Atom-Aus, Strompreise und das Rote Meer
Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Werner Brinker, Vorstandsvorsitzender des Energieunternehmens EWE in Oldenburg.
BRINKERS WOCHE
Die vier großen Atomkonzerne klagen über höhere Kosten nach dem Aus für acht Atomkraftwerke. Auch EWE hat Atomstrom im Portfolio. Wie wirkt sich der Atomausstieg bei Ihnen aus?
Den Atomstrom im Mix von EWE erzeugen wir nicht selbst, sondern kaufen ihn am Markt ein. Auch nach dem Abschalten mehrerer Kraftwerke ist im europäischen Markt genügend Strom verfügbar, um eine sichere Versorgung zu garantieren. Wie sich die Abschaltung von Atomkraftwerken und die Laufzeitverkürzung auf die Handelspreise auswirken werden, lässt sich an der aktuellen Marktentwicklung noch nicht ablesen. Das wird stark davon abhängen, wie sich der Energiemix durch den Atomausstieg verändert – noch ist zum Beispiel nicht klar, wie sich die Anteile von Kohle und Gas über die nächsten Jahre entwickeln werden.
Die Bedeutung von Atomstrom sinkt für EWE jedoch ohnehin – immer häufiger haben wir heute bereits Überkapazitäten an Windstrom im Netz und immer mehr unserer Kunden entscheiden sich für eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energien: Alleine in den ersten fünf Monaten dieses Jahres ist die Zahl der Ökostromkunden im Konzern um fast 50 Prozent gestiegen. Wir begrüßen eine schnelle Energiewende ausdrücklich – sie stellt uns allerdings auch vor erhebliche Herausforderungen, was das Management der Netze betrifft. Hier muss viel investiert werden.
Klar ist, dass die Energiewende Geld kostet. Müssen die Verbraucher mit höheren Strompreisen rechnen?
Klimaschutz ist unverzichtbar, aber für niemanden zum Nulltarif zu machen. Soll der Atomausstieg das Klima nicht zusätzlich belasten, muss man nicht nur die erneuerbaren Energien mit Hochdruck voranbringen. Es müssen auch zügig die Netze ausgebaut werden – rund 3.500 Kilometer zusätzliche Leitungen werden benötigt. Zudem braucht es neue Gaskraftwerke, wenn man den ökologisch sinnvollen Weg wählt und auf Erd- und Biogas statt Kohle setzt, um AKW-Kapazitäten zu ersetzen und Schwankungen der erneuerbaren Energien auszugleichen.
Es geht hier um Milliarden – da werden alle einen Beitrag leisten müssen: Der Staat muss Bürokratie abbauen und neue Technologien fördern. Die Unternehmen müssen hohe Investitionen tätigen – zum Beispiel beginnt EWE dieses Jahr mit der Errichtung des neuen Offshore-Windparks Riffgat sowie eines Gas- und Dampfturbinenkraftwerks in Bremen. Und auch für Endkunden werden die Strompreise zunächst ansteigen.
Das muss für Verbraucher aber keine Kostensteigerung insgesamt bedeuten: Für die nachhaltige Energieversorgung von morgen muss der Energieverbrauch von Haushalten und Industrie deutlich sinken und sich besser den Verhältnissen im Stromnetz anpassen. So lassen sich höhere Stromkosten ausgleichen. Mit intensiver Beratung, intelligenten Zählern und flexiblen Tarifmodellen unterstützen wir unsere Kunden dabei.
Und was war die Überraschung der Woche?
Eine klare Mahnung an Energie- und Klimapolitik ist eine neue Studie, die belegt, dass im Roten Meer binnen des letzten Jahrzehnts die Wassertemperatur um fast ein Grad gestiegen ist und dies eindeutig auf den Klimawandel zurückführt. Der schnelle Anstieg gefährdet die marinen Ökosysteme und kann auch Auswirkungen auf die Fischerei und somit die Ernährungssicherheit in der Region haben.
Diese Befunde decken sich mit diversen aktuellen Studien aus anderen Erdteilen, die eine stärkere Erwärmung der Meere und einen stärkeren Anstieg des Meeresspiegels vorhersagen als bisher vermutet. Für Politik und Wirtschaft ist das ein deutliches Signal, dass der Klimawandel bereits stattfindet und dass man bei der Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes nicht nachlassen darf. Gerade im Kontext des Atomausstiegs liegt eine zentrale Herausforderung darin, zusätzliche Treibhausgasemissionen so gering wie möglich zu halten.
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