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Meer, Blaualgen und Enzianschnaps

Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Hartmut Graßl, Meteorologe, der als einer der ersten deutschen Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels warnte.

GRASSLS WOCHE

Hartmut_GrasslIn Teilen Ostafrikas hungern die Armen: Ist das Folge der Klimaänderungen?

In Teilen Somalias, Äthiopiens und auch Kenias herrscht Dürre und viele Arme hungern und fliehen nach Kenia. Während bis in die 1960er Jahre Dürren die gefährlichste wetterbedingte Katastrophe waren und jedes Jahr bis weit über eine Million Menschen verhungerten, ist inzwischen die Hilfe durch einige Industrienationen und ihre Nichtregierungsorganisationen so wirksam, dass nur noch in Ländern mit Bürgerkrieg Menschen in größerer Zahl verhungern.

Einer einzelnen Dürre das Etikett "von Klimaänderungen verursacht" anzukleben, ist wissenschaftlich nicht seriös. Erst nach Auswertung von langen meteorologischen Messreihen wäre das möglich. Diese aber fehlen in großen Teilen Afrikas, speziell in Somalia. Wir sollten uns eher Gedanken machen wie wir in gescheiterten Staaten wie Somalia solche Katastrophen mildern können. Sicherlich gehört dazu die Stärkung der Vereinten Nationen, was jedoch bisher die großen Länder wie die USA und China zu verhindern wissen. Darüber hinaus muss das internationale Recht gestärkt werden, was angesichts des seit 1994 völkerrechtlich verbindlichen Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung und seiner geringen Wirkung meist Wunsch bleibt und wieder auf die Stärkung der Vereinten Nationen hinausläuft. Die Besserung der Situation ist ein langwieriger Prozess und es bleibt zur Zeit leider nur die Katastrophenhilfe in Gebieten ohne Bürgerkrieg. Außerdem muss danach auf die verbesserten landwirtschaftlichen Praktiken bei höherer Zahl von Menschen hingewirkt werden, denn mindestens ein Teil der Wüstenbildung geht auf das Konto der lokal falschen Landbewirtschaftung in Ländern ohne starke Regierung.

Der Weltklimarat streitet, wie stark der Meeresspiegel ansteigt. Wie stark wird er Ihrer Ansicht nach zunehmen?

Der Meeresspiegelanstieg als Folge der mittleren globalen Erwärmung ist eine zentrale Fragestellung für die Klimaforschung. Die im Zwischenstaatlichen Ausschuss über Klimaänderungen (häufig von den Medien auch Weltklimarat genannt) damit befassten Spezialisten stehen trotz reißerischer Meldungen in den Medien vor einer ihnen wohlbekannten Aufgabe für den fünften bewertenden Bericht, der in etwa zwei Jahren fertig sein soll: Darstellung einer großen Spannweite der Anstiegsrate als Folge des geringen Wissens über die Reaktion von Inlandeisgebieten auf die sehr raschen anthropogenen Klimaänderungen. Die Entscheidungsträger allerdings neigen dazu, die unteren Abschätzungen ernster zu nehmen als die oberen, obwohl sie wie in der Europäischen Union nach dem Vorsorgeprinzip handeln müssten und somit die obere Schätzung als Richtschnur nehmen sollten. Wohl neu wird im nächsten Bericht der Blick in die Klimageschichte sein, aus dem hervorgeht, dass bei Kohlendioxidkonzentrationen wie heute oder in den nächsten Jahren erwartet Grönland vor etwa drei Millionen Jahren fast nicht vereist war. Schmilzt das dortige Eis in den kommenden Jahrhunderten wesentlich ab? Auszuschließen ist es nicht.

Gentechnisch veränderte Blau- und Grünalgen sollen laut Spiegel online den Sprit der Zukunft liefern. Kann der Flugverkehr trotz Klimawandel dann immer weiter wachsen?

Der Straßengüterverkehr und der Flugverkehr sind die am schwierigsten mit erneuerbaren Energien zu versorgenden Sektoren und sie wachsen noch mit Raten über denen des Weltsozialprodukts. Mit jeder neuen Schraubendrehung im internationalen Emissionshandel wird deshalb der Druck auf diese Sektoren, Treibstoffe aus erneuerbaren Energien zu verwenden, ansteigen. Fast alles Angebotene ist dabei im Labor- oder Pilotprojektstadium. Weil aber die wesentlichsten erneuerbaren Energien die Sonne und der Wind sind, werden wohl in Zukunft bei Schönwetter und/oder starkem Wind die Treibstoffe (Methan oder Wasserstoff) in Situationen mit sonst überlaufendem Stromnetz geschaffen. Denn der Flächenverbrauch bei Biokraftstoffen ist um Faktoren weit über Zehn größer als bei der Nutzung von Sonne oder Wind.

Was wir schon immer wissen wollten, aber nie zu fragen wagten: Haben Sie Verwandte bei der ältesten deutschen Enzianbrennerei in Berchtesgaden, der Enzianbrennerei Grassl?

Vor hundert Jahren war die Verwandtschaft noch weit enger als heute, so dass - wie die Bayern sagen würden - bei so "weitschichtiger" Verwandtschaft ein Familienrabatt beim Kauf des Enzianschnapses in weiter Ferne liegt.

Und schließlich: Was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass die Europäische Union der schon seit drei Jahren vorliegenden Richtlinie der Internationalen Maritimen Organisation (IMO) folgt und spätestens ab 2015 den Schwefel- und Feinstaubgehalt in Schiffsabgasen um 90 bzw. 80 % für die Nord- und Ostsee sowie den Ärmelkanal mindert: so dass im Schweröl nur noch 0,1 % Schwefel enthalten sein dürfen und in anderen Meeresgebieten statt bisher bis zu 4,5 % nur noch 0,5 %. Die "Müllverbrennung auf See" - wie es viele nannten – wird damit geringer. Wer wird das kontrollieren und wann kommen die Schwermetalle dran?


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