Verursacherprinzip, Frischluftschneisen und Atomlaufzeiten
Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Hartmut Graßl, Meteorologe, der als einer der ersten deutschen Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels warnte.
GRASSLS WOCHE
Jochen Flasbarth, der Leiter des Umweltbundesamts, hat gefordert, die neue Flugticketabgabe auch nach Einbeziehung des Luftverkehrs in den Emissionshandel
beizubehalten. Ist das nicht eine unfaire Doppelbelastung? Und ist der Flugverkehr wirklich so klimaschädlich?
Die EU hat die Einbeziehung des Luftverkehrs in den Emissionshandel zum Januar 2012 beschlossen, damit dieser bisher von allen Steuern auf Treibstoffe befreite Bereich wenigstens kleine Teile der bisher der Allgemeinheit angelasteten Umweltkosten im Bereich Luftverschmutzung und Erhöhung des Treibhauseffektes der Atmosphäre selbst trägt. Wo der gerechte Preis läge, ist zwar umstritten - dass er aber weit über der Belastung durch den EU-weiten Emissionshandel liegt ist klar.
Die anderen Verkehrsbereiche wie Bahn, privater Autoverkehr und Straßengüterverkehr werden leider ebenfalls sehr unterschiedlich belastet. Warum ist beispielsweise Dieseltreibstoff in Deutschland billiger als Benzin, obwohl der Energieinhalt von Dieseltreibstoff pro Liter höher ist? Weil Deutschland die in den EU-Nachbarländern noch stärkeren Hilfen für das Speditionsgewerbe für heimische Speditieure wenigstens etwas mildern möchte, um den Wettbewerb nicht allzusehr zu verzerren. Während der Autofahrer bereits recht hohe Steuern auf Benzin (rund 60 Prozent des Preises) entrichtet, fliegt der Düsenjet über ihm mit Kerosin, von dem ein Liter zur Zeit nur etwa 30 Eurocent kostet.
Die Schieflage wird noch erhöht, wenn beachtet wird, dass ein Flugzeug noch zusätzliche Umweltwirkungen hat, beispielsweise Ozonbildung wegen der hohen Emission von Stickoxiden und – nur bei bestimmten meteorologischen Bedingungen – auch Bildung langlebiger Kondensstreifen. Beides erhöht im Mittel den Treibhauseffekt der Atmosphäre, und zwar um das 1,5- bis 4-fache gegenüber der reinen Kohlendioxidemission.
Die Flugticketabgabe und die Einbeziehung des Flugverkehrs in den Emissionshandel sind also nichts Anderes, als die externen Effekte teilweise zu internalisieren oder die Annäherung an das Verursacherprinzip.
Das hochsommerliche Juli-Wetter hat vor allem in Großstädten für fast unerträgliche Hitze gesorgt. Was kann man tun, um Städte auf den Klimawandel vorzubereiten?
Da die vom Menschen verursachten Klimaänderungen bereits begonnen haben, ist keine Vorbereitung angesagt - sondern rasches Handeln. Jedes Jahr gibt es in vielen Regionen neue Hitzerekorde im Sommer. In diesem Jahr war ein großer Teil des Julis ein solcher Monat mit Hitzewellen in Teilen Europas. Weltweit brachte die erste Jahreshälfte 2010 einen neuen Rekord für die mittlere Temperatur der unteren Atmosphäre. Da auch effiziente Klimapolitik an zunehmender Sommerhitze in den nächsten Jahrzehnten nichts Wesentliches ändern wird, sondern erst später wirkt, müssen wir uns anpassen.
Die besten Anpassungen sind der Erhalt oder die Neugestaltung von nächtlichen Frischluftschneisen in die Städte hinein, intelligenteres Lüften, gut isolierte Häuser, Schulung der Mehrheit der Architekten durch die bewusste Minderheit, Kühlung mit der Sonne. Kühlen und Heizen mit der Sonne sollte in das Erneuerbare-Energien-Gesetz der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen werden. Wie bei anderen Techniken für erneuerbare Energien würde Deutschland damit einen Weltmarkt erobern können.
Und was war die Überraschung der Woche?
Der Spaltpilz in den Regierungsparteien bei der Frage nach der richtigen Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke. Sie wird wohl nicht mehr kommen, auch weil sich die Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat geändert haben. Der ist zustimmungspflichtig - wie auch Hans-Werner Papier, CSU-Mitglied und ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, meint.
Aber auch ein Kommentar in der WELT vom Montag war überraschend: "Der ökologische Umbau der Energieversorgung ist nicht mehr zu stoppen. Selbst die großen Energiekonzerne stecken inzwischen den größeren Teil ihrer Kraftwerksinvestitionen in Ökostrom-Anlagen. Der jahrelange Systemstreit zwischen Betreibern fossil befeuerter Kraftwerke und Ökostromern ist im Grundsatz beendet, es geht nur noch um das richtige Tempo beim Umbau der Erzeugungsstrukturen."
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