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Frackingfreunde, Datenlecks und die Offenheit des IPCC

Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe. Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler warnte Graßl vor den Folgen des Klimawandels.

Grassls Woche

Herr Professor, erneut sind Dokumente des noch gar nicht veröffentlichten Fünften Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC vorab von Klimaskeptikern ins Internet gestellt worden. Wie kann es zu solchen Datenlecks kommen? Sind Klimawissenschaftler – auch im Hinblick auf die ab Herbst 2013 zu erwartenden Auseinandersetzungen – zu sorglos?

Hartmut Graßl: Ethische Grundregeln der Wissenschaft werden leider immer häufiger verletzt. Eine zentrale Regel ist dabei diejenige des vertraulichen Behandelns noch nicht vollständig begutachteter Texte. Dass es immer die sogenannten Klimaskeptiker – oft besser: Klimaänderungsleugner – sind, die diese Regeln missachten, zeigt, dass sie weit entfernt davon sind, echte Wissenschaftler zu sein.

Im Übrigen demonstriert diese Missachtung insbesondere bei IPCC-Texten, dass es um weit mehr geht als wissenschaftliche Texte. Es geht in den politischen Schlussfolgerungen aus den IPCC-Texten um die vollständige Umgestaltung des globalen Energieversorgungssystems. So ist es erklärlich, dass die Profiteure des bisherigen Energiesystems auch unlautere Mittel verwenden, um das IPCC zu diskreditieren. Die Offenheit, mit der beim IPCC jeder mitarbeiten kann – der Gutachter muss nur fünf seiner Veröffentlichungen angeben –, sollte aber deswegen nicht verringert werden. Mündige Bürger können aus dem Fehlverhalten einiger die vernünftige Schlussfolgerung ziehen, dass an den Befunden der Klimaforscher sehr viel dran ist. Somit geht der Schuss eher nach hinten los und beschädigt die Klimaskeptiker.

Das vergangene Jahr war wieder ein Boomjahr für die Erneuerbaren. Ihr Anteil am deutschen Strommix stieg auf knapp 22 Prozent, während Atomkraft auf nur noch 16 Prozent fiel. Allerdings ist auch der Anteil an Kohlestrom gestiegen, von 43 Prozent im Jahr 2011 auf fast 45 Prozent 2012. Was ist die Energiewende wert, wenn der klimaschädlichste Energieträger dadurch solche Zuwächse erzielen kann?

Die noch vorläufigen Zahlen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sind keine Überraschung. Wer acht Kernkraftwerke im Frühjahr 2011 abschaltet, muss mit einem geringeren Beitrag im Jahr 2012 rechnen, und wer einen zu laschen europäischen Emissionshandel für Kohlendioxid akzeptiert, muss sich nicht wundern, dass die Kohle im Vergleich zum Erdgas gewinnt – der Preis für Erdgas korreliert immer noch in hohem Maß mit dem stark steigenden Preis für Erdöl.

Dass die erneuerbaren Energien ihren Beitrag erhöhen, war ebenfalls zu erwarten, weil ja das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) weiterhin gilt und von den Bürgern weiter genutzt wird. Es ist zu hoffen, dass die Trendwende hin zur stärkeren Auslastung der Gaskraftwerke mit dem seit Januar verschärften Emissionshandel der Europäischen Union kommt oder mindestens näher rückt.

Dennoch hat die Bundesrepublik Deutschland erneut weniger Kohlendioxid emittiert als im Jahr zuvor und sogar der Stromkonsum ging trotz     Wirtschaftswachstum leicht zurück.

Da das Energiesystem in jedem Land durch vom Staat definierte Randbedingungen charakterisiert ist, muss anhand der neuen Zahlen nicht nur das EEG weiterentwickelt werden und die Freistellung stromintensiver Betriebe von der Stromsteuer auf die wirklich für den Industriestandort Deutschland wichtigen beschränkt werden. Es muss auch ein "Forum Energiewende" vom Bundestag eingerichtet werden, das die Zivilgesellschaft besser einbindet. Denn dieser haben wir die Energiewende zu verdanken, weil die Bürger schon vor der von der Politik ausgerufenen Energiewende gezeigt haben, wohin die Reise gehen soll.

Zwei Bundesbehörden beharken sich heftig wegen der Fracking-Technologie, mit der Energiekonzerne auch in Deutschland mehr sogenanntes unkonventionelles Erdgas fördern wollen. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) attackierte jüngst das Umweltbundesamt (UBA), das Fracking kritisch sieht. Nun wehrt sich das UBA in einem internen Papier. Was ist da los? Geht es um Eitelkeiten, Machtbewusstsein und Interessen oder doch um die Sache?

Glücklicherweise ist die Energiepolitik nicht allein dem Wirschaftsministerium überlassen worden, sondern auch dem Umweltministerium. Der Zwist zwischen beiden Ministerien um das Fracking ist ein typischer. Die Einstellung des Wirtschaftsministeriums unter allen Ministern mindestens der vergangenen 20 Jahre war: Wir probieren die neuen Techniken und betreiben als möglicherweise schädlich entdeckte Verfahren weiter, verdienen also erst einmal daran – eventuelle spätere Reparaturkosten sind dann von den Nachkommen zu tragen.

Ich selbst habe dieses Grundschema miterlebt. Als die Expo 2000 geplant wurde, war die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) für die Planung der Ausstellungsteile Deutschlands im Bereich Klima zuständig. Der Koordinatorin für den gesamten Umweltbereich, der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück, fiel die klimaskeptische Haltung der BGR in Hannover auf und sie lud Klimatologen – Professor Claußen vom Potsdam-Institut und mich – zu einer Debatte mit leitenden Vertretern der BGR nach Hannover ein. Die Hartleibigkeit der BGR-Vertreter trotz klarer wissenschaftlicher Argumente für einen anthropogenen Klimawandel führte dazu, dass auf der Expo 2000 der Klima-Aspekt fast nicht gezeigt wurde – in einem Land, das sonst eher als ein Vorreiter bei Klimaschutzdiskussionen galt. Zu dieser Zeit ist auch ein als wissenschaftlich dünn zu bezeichnendes Buch mit dem Titel "Klimafakten" von der BGR kostenlos an Schulen verteilt worden.

Zurück zum Fracking: Eine sorgfaltige Prüfung – wie vom Umweltministerium gefordert – ist das Mindeste. Noch besser wäre, Deutschland würde sich auf die Energiewende konzentrieren und nicht noch Milliarden in Energiequellen investieren, deren Ende bis zum Jahr 2050 laut Bundestagsbeschluss als Ziel errichtet ist.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Der Bericht der FAZ zur Klausurtagung von Bündnis 90/Die Grünen. Er enthält die sonst auch in Berichten üblichen Seitenhiebe zum Energiestrategiekonzept dieser Partei nicht, obwohl das Ziel der Grünen, bis 2030 den Strombedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu decken, sicherlich auch für mich als stark diskussionsbedürftig zu bezeichenen ist. Gelänge es – ich werde es sehr wahrscheinlich nicht mehr erleben – hätte ich gerne unrecht.

Fragen: vk


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