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Kaltreserven, eTelligence und Vahrenholt

Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Werner Brinker, Vorstandsvorsitzender des Energieunternehmens EWE in Oldenburg.

BRINKERS WOCHE

Herr Brinker, vor dem Atomausstieg und auch danach wurde immer erklärt: "Zwei Wochen knackiger Winter und die Stromversorgung bricht zusammen". Das ist sie nun nicht: Woran lag das? Welche Probleme hatte EWE?

Werner Brinker: Die Stromversorgung in Deutschland steht auf vielen Säulen und ist daher nicht so leicht ins Wanken zu bringen. Auch 2011, nach dem Abschalten von 8 der 17 Atomkraftwerke, wurde hierzulande mehr Strom erzeugt als verbraucht. Das Rückgrat der deutschen Stromversorgung bilden immer noch Kohlekraftwerke, und gerade bei der Braunkohle gab es letztes Jahr einen Anstieg – was für das Klima alles andere als unbedenklich ist.

Gerade in den letzten Wochen trugen auch die erneuerbaren Energien auf Grund des windreichen, sonnigen Wetters ungewöhnlich viel bei. Falls die Erzeugung in Deutschland nicht ausreichen sollte, gibt es zudem nicht nur im Land eine sogenannte Kaltreserve aus Kohle- und Gaskraftwerken, sondern längst auch ein europäisches Netz, über das bei Bedarf Strom aus Nachbarländern bezogen wird. Tatsächlich war es jedoch diese Woche teilweise andersherum: Frankreich, wo der Großteil der Energie nuklear erzeugt wird, hat aus Deutschland Strom importiert, da Wind- und Sonnenenergie überreichlich vorhanden waren.

Sorgen müssen wir uns also nicht um die verfügbaren Strommengen machen. Die Herausforderung liegt darin, die verschiedenen Erzeugungsformen flexibel zu koordinieren und große Stromvolumina über weitere Strecken zu transportieren. Daher müssen Übertragungs- und Verteilnetze konsequent ausgebaut werden, um die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten, wenn die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden und viele weitere regenerative Anlagen ans Netz gehen.

EWE war von der Kältewelle kaum betroffen. Da unsere Stromnetze fast komplett unterirdisch verlegt sind, sind sie vor wetterbedingten Ausfällen weitestgehend geschützt und wir haben genügend Erdgas in unseren Speichern, um 1 Million Kunden ein halbes Jahr lang mit Wärme zu versorgen. Die Gasspeicher können zukünftig auch einen wertvollen Beitrag leisten, um die Stromversorgung abzusichern: Erd- und Biogas können dort gelagert werden, um Anlagen anzutreiben, die mit hoher Flexibilität die Schwankungen von Wind- und Sonnenenergie ausgleichen – zum Beispiel das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk, das wir derzeit in Bremen errichten.

In der vergangenen Woche befasste sich eine Tagung mit der IT-Steuerung der Energie. Es geht um Intelligenz für Energie, Märkte und Netz, um das "Internet der Energie". Eines der beschriebenen Modellprojekte eTelligence wurde unter der Leitung der EWE realisiert. Worum geht es?

Mit eTelligence erproben wir in Cuxhaven, wie die Energiesysteme der Zukunft funktionieren können. Im Vordergrund steht dabei eine flexible Vernetzung der verschiedenen Erzeugungsformen, der Haushalte und der Industrie.

Damit die Netze bei vielen dezentralen Anlagen und einem hohen Anteil erneuerbarer Energien in Balance bleiben, müssen Erzeugungsanlagen sinnvoll zusammenarbeiten, so dass zum Beispiel Blockheizkraftwerke anspringen, wenn die Windräder weniger Ertrag bringen. Und damit keine Energie verschwendet wird und der Strom möglichst günstig bleibt, sollte er genutzt werden, wenn viel davon zur Verfügung steht – zum Beispiel, indem Kühlhäuser bei einem Überangebot an Windstrom weiter herunterkühlen und Haushalte dann Wasch- und Spülmaschine laufen lassen, während der Verbrauch bei knapperem Angebot durch solche Verschiebungen reduziert werden kann.

Beide Aspekte brauchen einen Markt, an dem Strom in Echtzeit gehandelt wird. So bestimmen Angebot und Nachfrage, wie sinnvoll es ist, mehr Strom zu erzeugen und wann es sich lohnt, ihn zu verbrauchen. Ein solcher Markt benötigt Transparenz darüber, wieviel Strom gerade erzeugt werden kann und wieviel benötigt wird. Mit Hilfe unserer Telekommunikations- und IT-Sparte haben wir bei eTelligence einen solchen Marktplatz aufgebaut. Schnelle Internetverbindungen sind dabei die Nervenbahnen des Systems, die die nötigen Informationen übermitteln. IT-Systeme stellen das Gehirn, das diese Informationen zusammenführt und so transparent aufbereitet, dass Energieerzeuger, Netzbetreiber, Haushalte und Industrie die richtigen Weichen stellen können.

Und was war ihre Überraschung der Woche?

Das Buch von Fritz Vahrenholt. Darin vertritt er die These, dass der Klimawandel in erster Linie durch die Sonnenaktivität beeinflusst würde und sich in den nächsten Jahren wegen sinkender Aktivität stark verlangsame. Die "kältere" Sonne würde so der menschengemachten Erderwärmung entgegenwirken und uns deutlich mehr Zeit verschaffen, um auf eine emissionsärmere Wirtschaftsweise umzusteigen.

Mich überrascht sowohl der Tenor dieses Buches als auch die Diskussion, als seien solche Thesen neu: Dass die Sonnenaktivität das Erdklima beeinflusst, ist ein bekannter Faktor in der Klimaforschung. Auch wenn dazu noch viel zu erforschen bleibt, ist er in den Szenarien der IPCC bereits berücksichtigt. Da sich Kohlendioxid über Jahrhunderte in der Atmosphäre hält, ist es zudem riskant, auf Entlastung durch Sonnenzyklen zu hoffen, die sich binnen Jahrzehnten vollziehen. Auch die Frage, ob sich die Erde in den letzten Jahren erwärmt hat, greift zu kurz, da die Klimaforschung mindestens 30-jährige Zeiträume betrachtet.

In der Tat variieren die Szenarien, wie stark sich die Erde erwärmen wird, stark – doch dass der menschengemachte Treibhausgasausstoß den Klimawandel vorantreibt, ist eine gesicherte Erkenntnis. Die Verantwortung gebietet es daher, heute zu handeln und weltweit entschlossen Emissionen zu reduzieren. Dabei sollte man bei allen finanziellen Belastungen des Klimaschutzes auch nicht das Innovations- und Marktpotenzial unterschätzen, das für die deutsche Industrie in nachhaltigen, effizienten Energietechnologien liegt.

Fragen: reni

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