Zu langsame Schmetterlinge und Forscher an der kurzen Leine
Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Hartmut Graßl, Meteorologe, der als einer der ersten deutschen Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels warnte.
GRASSLS WOCHE
Herr Professor, eine neue Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig kommt zum Ergebnis, dass der Klimawandel schneller ist als viele Tiere - dass beispielsweise Schmetterlinge nicht so schnell wandern können, wie sich ihre gewohnten Lebensräume verschieben. Wie groß wird das Artensterben infolge der Erderwärmung?
Schon im vierten Bericht des Weltklimarates IPCC war im April 2007 ein viele Menschen aufrüttelnder Satz zu lesen: "Wenn der Anstieg der mittleren globalen Temperatur 1,5 bis 2,5 Grad Celsius überschreitet, ist ein erhöhtes Aussterberisiko für circa 20 bis 30 Prozent der bisher untersuchten Tier- und Pflanzenarten wahrscheinlich."
Was jetzt die internationale Gruppe von Wissenschaftlern unter Mitwirkung des Helmholtz-Zentrums in Leipzig zu der Wanderung von Schmetterlingen und Vögeln in Richtung der Pole während der vergangenen Jahrzehnte für Europa in der Zeitschrift Nature veröffentlicht hat, ist eine traurige Bestätigung dieser Aussage: Sogar diese sehr mobilen Tiergruppen kommen mit der Geschwindigkeit der Verschiebung des Klimaparameters Temperatur nicht mit; sie sind also weniger angepasst und noch stärker bedroht.
Im Dezember wurde bekannt, dass die gegenwärtige Regierung den Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU), der ja bisweilen mit unbequemen Ratschlägen aufwartet, offenbar an die kurze Leine legen will. Haben Sie in Ihrem langem Forscherleben schon Ähnliches erlebt?
Diese Meldung konnte ich zunächst nicht glauben, denn Deutschland glänzte bisher durch vergleichsweise unabhängige Beratungsgremien der Bundesregierung. Das galt für den SRU genau so wie für den
Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU). Da ich den WBGU über mehrere Jahre geleitet haben, weiß ich, dass während dieser Zeit eine politische Einflussnahme durch keine Regierung stattfand. Der Rat hat die Themen selbst gewählt.
Blicke ich weiter zurück, so war ich als Autor des Memorandums "Warnung vor weltweiten Klimaänderungen durch den Menschen" 1987 mit dem Versuch des damaligen Ministeriums für Forschung und Technologie konfrontiert, die Veröffentlichung zu verhindern. Nach einer Verzögerung von etwa zwei Monaten haben die beteiligten Gesellschaften - die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Meteorologische Gesellschaft - es aber doch veröffentlicht.
Die bayerische Staatsregierung hat dies noch 1987 zum Anlass genommen, im Bundesrat einen Wissenschaftlichen Klimabeirat der Bundesregierung zu fordern. Dieser wurde 1988 eingerichtet und hat wesentlich dazu beigetragen, die deutsche Forschungsinfrastruktur im Klimabereich auszubauen - zum Beispiel mit der Gründung des heute sehr bekannten Potsdamer
Instituts für Klimafolgenforschung.
Wenn Sie 2011 nocheinmal Revue passieren lassen - was war für Sie die größte Überraschung des vergangenen Jahres?
Die größte Überraschung war der Beschluss der Bundesregierung zur Energiewende und die breite Mehrheit dafür im Bundestag. Eigentlich war es der grandiose Sieg der Zivilgesellschaft über die Zögerer und Zauderer. Seit über drei Jahrzehnten haben zunächst nur die besonders stark umweltbewegten Bürger, später - nach ersten Hilfestellungen durch die Politik - auch eine breitere Minderheit der Bevölkerung die Nutzung erneuerbarer Energien mit ihrem Ersparten vorangetrieben. Deshalb war nach der Katastrophe in Fukushima auch der bisher nicht engagierte Teil der Bürger überzeugt, dass eine Energieversorgung mit erneuerbaren Energien möglich ist, so dass die Kanzlerin wegen des "riesigen" Restrisikos - aber auch aus Furcht Wählerstimmen zu verlieren - das Ruder herumgerissen hat.
Solche Entscheidungen gelingen gegen die von der Politik oft hofierte fossile und nukleare Energielobby nur bei entsprechendem öffentlichen Druck. Jetzt muss die sehr fordernde Energiewende realisiert werden. Dazu braucht Deutschland weiterhin eine wache Zivilgesellschaft, aber auch den von der Ethikkommission geforderten Bundesbeauftragten für die Energiewende.
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