Stromlandstraßen, mehr Beamte und Verlässlichkeit
Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Werner Brinker, Vorstandsvorsitzender des Energieunternehmens EWE in Oldenburg.
BRINKERS WOCHE
2012 ist das Jahr 1 nach dem großen Beschluss zur Energiewende: Was muss in den nächsten zwölf Monaten wirklich geschehen, damit sie gelingt?
Bei den politischen Entwürfen zur Energiewende wurde dabei bisher ein wichtiger Teil dieses Systems kaum beachtet: die Verteilnetze. Das muss sich dieses Jahr dringend ändern. Die Übertragungsnetze ...
... sozusagen die oberste Ebene des mehrstufig aufgebauten Stromnetzes ...
... diese viel diskutierten "Stromautobahnen" sind wichtig, stellen aber nur zwei Prozent des gesamten Stromnetzes. Der überwältigende Teil der Wind-, Photovoltaik- und Biogasanlagen sind hingegen an die "Stadt- und Landstraßen", angeschlossen – die Verteilnetze. Diese sind jedoch nicht auf so viel Einspeisung ausgerichtet: Schon heute übersteigt die installierte Leistung der EEG-Anlagen im EWE-Netz die dort gebrauchte Jahreshöchstlast um fast 70 Prozent.
Nötig ist also zum einen ein Ausbau dieser Verteilnetze – 2011 waren 34% der Investitionen, die EWE in die Stromnetze getätigt hat, der Netzintegration von EEG-Anlagen geschuldet. 2012 wird dieser Anteil wohl auf bis zu 60% steigen. Das Problem dabei ist, dass die Kosten für diesen regionalen Netzausbau derzeit vom einzelnen Verteilnetzbetreiber getragen und auf die Netzentgelte in seinem Versorgungsgebiet umgelegt werden müssen. Erneuerbare Energien – und damit die Kosten des Netzausbaus – wachsen aber regional sehr stark unterschiedlich. Von viel Windkraft im Nordwesten profitiert ganz Deutschland, doch höhere Netzentgelte bringen einseitig Standortnachteile für die Region. Eine faire und notwendige Lösung wäre hier eine bundesweite Umlage für den Netzausbau, wie sie für die Einspeisung aus erneuerbaren Energien bereits seit über zehn Jahren erfolgreich besteht.
Die Netze müssen aber nicht nur ausgebaut, sondern auch intelligenter und flexibler gemacht werden. Nur so kann man die Schwankungen aus Wind- und Sonnenenergie bewältigen und den teuren Netzausbau auf die wirklich nötigen Maßnahmen beschränken. Die dafür notwendigen Investitionen in Kommunikationsinfrastruktur und Messtechnik sind bei der Regulierung für Netzbetreiber jedoch nicht vorgesehen – Betreiber, die in intelligente Netze investieren, werden damit derzeit eher bestraft als belohnt. Hier muss dringend der regulatorische Rahmen angepasst werden.
Fachfrage an die Offshore-Pioniere: Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) hat ebenso wie Siemens-Chef Peter Löscher von der Bundesregierung mehr Engagement und einen "zentralen Koordinator" für die Energiewende gefordert. Ist letzterer sinnvoll? Woran konkret krankt der Aufbau der Offshore-Windparks?
Offshore-Windenergie hat großes Potenzial in Deutschland und ist unverzichtbar, um die Energiewende so schnell zu vollziehen, wie von der Regierung geplant. Dass der Aufbau von Offshore-Kapazitäten dennoch hinter dem Zeitplan liegt, hat mehrere Gründe.
Zum einen drosseln die Genehmigungsverfahren für den Bau von Offshore-Parks, der dafür nötigen Netzanbindung und den Ausbau der Übertragungsnetze das Tempo erheblich. Die Bundesnetzagentur und das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, die dafür zuständig sind, haben schlichtweg nicht genug Personal. Hier muss man dringend aufstocken, um Verfahren zu beschleunigen und den Bau von Offshore-Parks stärker mit dem Ausbau von Übertragungskapazitäten zu koordinieren.
Zum anderen ist die Anbindung von Offshore-Parks ans Stromnetz eine echte Herausforderung, die zu Verzögerungen und Mehrkosten führt: Die gesamte deutsche Nordsee fällt in den Zuständigkeitsbereich nur eines Übertragungsnetzbetreiber, und der kommt mit dem Ausbau der Netzinfrastruktur auf See nach eigenem Bekunden nicht hinterher. Sinnvoll wäre es von politischer Seite, Möglichkeiten zu schaffen, dass weitere Akteure aushelfen können. Hinzu kommt, dass es für Anschlüsse von Offshore-Windparks keine klaren Standards und damit auch kaum Wettbewerb gibt, was den Prozess langsamer und teurer als notwendig macht.
Vor diesem Hintergrund ist die Finanzierung von Offshore-Windparks ein kompliziertes Unterfangen: Die Förderprogramme der KfW können die notwendigen Mittel langfristig nicht alleine bereitstellen und privatwirtschaftliche Investoren halten sich angesichts der Verzögerungen bei Planung und Netzanbindung zurück.
Ein Sonderbeauftragter der Bundesregierung könnte sicherlich Bundesumwelt- und Bundeswirtschaftsministerium in der Ausbau- und Förderpolitik enger koordinieren, reicht aber nicht aus. Die wirklichen Herausforderungen liegen darin, die zuständigen Behörden personell und finanziell ausreichend auszustatten, Standards für Anschlüsse zu schaffen und zu prüfen, unter welchen Rahmenbedingungen die Übertragungsnetzbetreiber schneller mit dem Netzausbau vorankommen können.
Wenn Sie 2011 nocheinmal Revue passieren lassen - was war für Sie die größte Überraschung des vergangenen Jahres?
Im Herbst 2010 wurde nach einiger Kontroverse ein Energiekonzept für die nächsten Jahrzehnte verabschiedet, das als „historisch“ bezeichnet wurde – um es dann im Frühjahr 2011 unter dem Eindruck der Katastrophe in Japan binnen weniger Wochen massiv zu verändern. Das ist alles andere als eine verlässliche Energiepolitik. Um es ganz klar zu sagen: Die Energiewende ist die richtige Entscheidung. Damit sie gelingen kann, braucht die Branche aber langfristige Planungssicherheit, um die extrem hohen Investitionen zu finanzieren und die richtigen Technologien zu entwickeln.
Fragen: reni, alf
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