Die Watschen vom Umweltbundesamt und die "alten Kameraden"
Jede Woche neu: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Matthias Willenbacher, Gründer von juwi und ausgezeichnet als Greentech Manager des Jahres 2009.
WILLENBACHERS WOCHE
Herr Willenbacher, der Elektro-Gigant Bosch kauft die Wechselrichter-Sparte von Conergy - werden die Pioniere der erneuerbaren Energien nach und nach von den Großkonzernen geschluckt?
Großkonzern ist nicht gleich Großkonzern. Und auch unter den Pionieren der erneuerbaren Energien gib es so´ne und solche. Gut aufgestellte Unternehmen, die auf unterschiedlichen Geschäftsfeldern innovative Produkte oder Problemlösungen anbieten, haben im Wettbewerb mit internationalen Multis gute Überlebenschancen. Außerdem geht es nicht nur um Fressen oder gefressen werden. Auch Synergieeffekte durch verschiedenste Formen der Zusammenarbeit können die Energiewende befeuern. Zum Beispiel dann, wenn sich Kreativität und Schnelligkeit eines Start-Up mit der Finanzkraft eines Großkonzerns paaren. Letztlich zeigt das gewachsene Interesse eines Elektro-Giganten wie Bosch an erneuerbaren Energien auch, dass die "alten Kameraden" in der Neuzeit angekommen sind. Darüber sollten sich alle freuen, denen die Energiewende am Herzen liegt.
Letzte Woche hat die EU-Kommission ihre lange erwartete Roadmap zur Energiewende vorgelegt. Wie gut ist sie geworden?Wo wir eine Autobahn mit breiter Überholspur benötigen würden, plant die EU leider nur eine kurvenreiche Holperstrecke – so wird der schnelle Umstieg auf erneuerbaren Energien nicht beschleunigt. Die EU-Energy Roadmap 2050 unterschätzt eindeutig das Potenzial erneuerbarer Energien. Mindestens genauso schlimm: Die Kosten der Energiewende werden viel zu hoch angesetzt. Und die These der Kosteneffizienz durch eine EU-weite Harmonisierung der Fördersysteme wird auch nicht richtiger, wenn man sie nur oft genug wiederholt. So erzeugt man keine Aufbruchstimmung in Europa.
Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) bemängelt ganz zu Recht: Das Ausbauziel für erneuerbare Energien im Jahr 2030 muss anspruchsvoller formuliert und mit verbindlichen Zielen für die einzelnen Mitgliedsstaaten unterlegt werden. Die Europäischen Erneuerbaren-Verbände schlagen ein rechtlich bindendes EU-Mindestziel von 45 Prozent für 2030 vor. Dabei muss sichergestellt bleiben, dass die Mitgliedstaaten die Förderinstrumente wählen können. Doch ob mit oder ohne Roadmap: Die erneuerbaren Energien werden auch ohne Autobahn ihren Weg finden.
Und was war für Sie die Überraschung der Woche?
Die Watschen vom Umweltbundesamt für die konservativen Energiepolitiker der Regierungskoalition war für mich das klimapolitische Ereignis der Woche. Mit ihrer Forderung, die Zuwächse bei der Solarenergie auf jährlich 1.000 Megawatt zu deckeln, haben die Fraktionsvorsitzenden von FDP und Union ihre energiepolitische Ahnungslosigkeit unter Beweis gestellt.
Umweltminister Röttgen hat hier mehr Weitsicht bewiesen. Die Umsetzung der Forderung der Herren Kauder, Brüderle, Rösler und Co. würde nämlich vor allem zu einem führen: zu steigenden Strompreisen. Das kann weder der Wunsch der Wirtschaft noch der privaten Verbraucher sein.
Nachweislich sind es die Erneuerbaren, die den Strompreis langfristig senken, da sie zunächst die teuersten konventionellen Kraftwerke der vier Großen vom Markt verdrängen. Dieser kostendämpfende Effekt wird aber von den Konzernen nur unzureichend an die Verbraucher weitergegeben. Preistreiber am Strommarkt sind also nicht die Erneuerbaren, sondern die konventionelle Energiewirtschaft. Vielleicht sollten sich Fraktionsvorsitzenden der Koalition einmal die Analyse des Umweltbundesamtes besorgen. Dort können sie diese Fakten Schwarz auf Weiß nachlesen.
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