Eine Frage der individuellen Ansprache
Zimpels Bewegungsmelder
Die Klima-Allianz will wachsen - und auf "ritualisierten Protest" verzichten. Das hat die Allianz so in dieser Woche beschlossen.
Aha. Klingt gut. Das heißt jetzt aber was? Ritualisierter Protest?
Das Tierische, das Archaische im Ritual ist eigentlich ein Kompliment. Zeugt es doch von Kraft, von Stärke. Und es zeugt vom Glaube (der bekanntlich Berge versetzt). Darauf will der Jürgen Maier - der oberste Oberst der Klima-Allianz - verzichten?
Gleichzeitig schwingt natürlich in Maiers Verzichtsaufruf auch Langeweile mit. "Ritualisierter Protest" klingt ziemlich abgefrühstückt. Nur frag ich mich, welche Langeweile Maier & his Climatefriends damit andeuten wollen. Seit Jahren frühstücken sie mit Klimadonna Merkel zusammen, statt im Frühnebel mit Thermoskanne unter Transparenten we-shall-overcome zu frühstücklichen Zeiten zu trällern.
Und von solch wichtigen Merkelfrühstücken will sich die Klima-Allianz ja gerade nicht verabschieden - sondern viele, viele solcher Lobbytreffen für das Klima arrangieren - statt irgendwo Protestzufrühstücken.
Tatsächlich gibt es in der Klimaschützerszene kaum Reaktionen auf die so genannte neue Ausrichtung der Klima-Allianz. Dabei könnte man es gut finden oder schlecht. Aber scheinbar erwartet man schon lange nicht mehr, dass die Klima-Allianz nennenswert in Erscheinung tritt. Was in den Chefetagen der großen Verbände so gewollt sein könnte, führt noch nicht mal mehr zur Entäuschung bei den Aktivisten.
Dabei ist das Spiel mit verteilten Rollen richtig und sinnvoll. Jeder tut das, was er am besten kann. Sprechzettel für die Verhandlungen auf dem politischen Parkett aus der schwarzen Anzugtasche zu ziehen, liegt eben nicht jedem.
Aber könnte es nicht vielleicht sein, dass "mangelnde Mobilisierungsfähigkeit", über deren Fehlen sich die Klima-Allianz enttäuscht zeigte, auch etwas mit den Zettel in der Anzug-Tasche zu tun hat. Schließlich hängt doch von der Message ab, ob des Aktivisten Schienbein oder Brust getroffen wird!
Ich versteh das ja mit der individuellen Ansprache, die die Oberen der Klima-Allianz den Merkels, Westerwelles, Seehofers, Töpfers, Ban Ki Moons und Obamas dieser Welt zugedenken. Statt "im eigenen Saft zu schmoren" - wie in der Klima-Allianz bemängelt wurde, beglücke ich schließlich auch gern die bildungsfernen Schichten vor meiner Bäckerei. ("Kleiner Hinweis, zu Fuß wärs gut für Ihre Gesundheit und auch für meine, und den Geldbeutel sowieso!"). Und wie bei den Merkels, Westerwelles, Gabriels ist der Effekt meiner persönlichen Ansprache auch ganz erstaunlich: Sie kommen immer wieder - mit dem Auto.
Ehrlich, ich versteh die Oberen der Klima-Allianz: Mein "ritualisierter Protest" war auch nicht sonderlich erfolgreich. Einen Unterschied immerhin gibts noch: Über mich amüsiert sich wenigstens mein Stadtteil. Findet eigentlich noch jemand die Klima-Allianz interessant?
Sabine Zimpel ist Campaignerin
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