Neue Anführer braucht das Land
Zimpels Bewegungsmelder
Die Klimaschützer-Szene diskutiert mal wieder über den Sinn von Demos. Sind Flash-Mobs, Commos oder Guirilla-Aktionen sinnvoller, als dieses alte Spiel mit Ordnungskräften und Presse zu spielen?
Nach mittlerweile 24 Jahren Protestbewegung bin ich der Meinung einiger Psychologen, Campaigner und Journalisten, dass Demos überhaupt nichts bringen. Seit Kopenhagen faktisch tot sind. Fast bin ich erleichtert über diese Erkenntnis. Nur weiß ich noch nicht, wie damit umzugehen ist.
Man muss ja froh sein, wenn die Leute überhaupt den Hintern hoch kriegen. Bei den Anti-Nazi-Demo-Bildern am 13. Februar aus Dresden schwankte ich zwischen Neid und Hoffnung. Neidisch, dass die sowas auf die Beine kriegen und hoffend, weil ja scheinbar doch noch was geht in Deutschland. Also, rein demotschnisch. Und trotzdem stammen diese Bilder leider nur von einer Reaktion, einer notwendige Gegendemo, um dem Dreck nicht das Feld zu überlassen.
In der "neuen Klimabewegung" wird immer mal wieder nach erfahrenen Demo-Organisatoren gefragt. Am liebsten würde ich sagen: vergesst es! Keine Sau interessiert es, wenn man nicht eine große Menge Leute zusammen kriegt und den Medien ein paar spektakuläre Bilder bietet. Und ich meine eine wirklich große Menge. 5.000 Leute in Neurath und Berlin zum Klimaktionstag 2007 sind damit nicht gemeint. Die liefern nicht so spektakuläre Bilder wie brennende Autos (an die ich aber nun wirklich nicht denke).
Nun gibt es eine Menge Leute, die nur zwei Protest-Mittel kennen: Unterschriftenliste und Demo. Für Manche ist eine Demo so revolutionär, dass sie ihren Arbeitskollegen niemals davon erzählen würden. Unglaublich, aber selbst erlebt, soeben erst am Niederrhein! Bei Guirilla-Gardening denken die an Guantanamo oder an das RTL-Dschungelcamp.
Und dann komm ich und sag: Macht Flash-Mobs statt Demos! Blockiert den Kohlehafen! Und dann sagen sie: ähhh, ja, nee, ok, dann geh Du mal vor. Und schon hab ich die gesamte Aktion an der Backe.
Es mangelt an Anführern! An Leuten, die sich kümmern, die Bescheid wissen, die Mut haben. Es ist keine Kunst und man braucht kein Talent. Man muss es nur machen. Aufstehn, laut sein, weitersagen. Denn die Gegenseite ist verdammt gut organisiert! Eon, Vattenfall und Co haben Spin-Doctors und Pressefuzzis - gut ausgebildete Leute, die wissen, wie man Geschichten dreht und die gute Verbindungen zu Medien und Politik haben. Und sie haben eine Menge zu verlieren: den mittelmäßig bezahlten Job, ein miefiges kleines Reihenmittelhaus mit Ikea-Küche und Omas-Buffet.
Vielerorts wird also über den Sinn von Demos diskutiert. Vielerorts? Naja, im Internet, auf den Emaillisten. Zugegeben, keine unbedeutenden Emaillisten. Wie viele Leute erreicht man damit wohl? Sind wir mal ehrlich: wir bewegen uns in unseren Communities, auf unseren Emaillisten, in unseren Newslettern und auf unseren Homepages. Wir haben kaum Chancen, die Reihenmittelhausgesellschaft zu erreichen.
Es sei denn in persönlicher Ansprache. Wenn jeder von uns jede Woche einen "anderen" überzeugen kann und der dann auch wieder einen und der dann auch....
Also. Morgen geht’s wieder auf meinen Klappstuhl vor der Bäckerei. Den einen oder anderen Kurzstreckenfahrer werde ich doch wohl überzeugen können.
Sabine Zimpel ist Campaignerin
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