Kirschen auf meiner Haut
Zimpels Bewegungsmelder
Immerhin hat man einmal darüber geredet. Immerhin wurde erstmals in einem größeren Rahmen versucht, eine Brücke zu schlagen. Zwischen Technik und Naturwissenschaft bis zur Psychologie des individuellen menschlichen Verhaltens.
Drei Tage lang ging es in der Essener Philharmonie um "Climate Change is Cultural Change ". Der Klimawandel bringt also einen kulturellen Wandel mit sich. Oder der Klimawandel macht einen Wandel der Kultur nötig. Oder wenn wir unsere Kultur ändern, kann man den Klimawandel aufhalten.
Dass eine solche Veranstaltung ausgerechnet hier in Essen stattfindet, steht der Kulturhauptstadt 2010 gut zu Gesicht: man trägt den feinen Zwirn, man spricht englisch, man gibt sich sophisticated und selbst die Frage nach dem Klo wird im elaborierten Code gestellt: "Excuse me, could you be so kind to tell me, where the restrooms are?"
Schließlich trifft sich hier nicht irgendjemand - ok, ein paar Lehrerinnen der örtlichen Mädchenschule sind auch im Saal - nein, hier trifft man sich auf Augenhöhe mit den durchweg männlichen Leitern der leitenden Forschungsinstitute und mit hochdekorierten Politikern. Die einzige sichtbare Frau auf dem Podium ist eine Assistentin aus dem Entwicklungshilfeministerium.
Warum habe ich nur das Gefühl, dass diese Professorenschwemme nicht wirklich weiß, was da draußen in den Läden abgeht? Als ob man sich dort dafür interessieren würde, wo die Kirschen her kommen. Wann haben diese Herren zum letzten Mal eine Obstabteilung und ein Preisschild an einem Karton Kirschen gesehen? In Fettdruck steht da nur der Preis drauf. Wenn man Glück hat, findet man in irgendeiner Ecke, kleingedruckt, ein Ursprungsland, manchmal das Exportland - auch wenn es andere Gesetze zur Deklaration gibt. Der allergrößte Teil der Bevölkerung kann sich das Einkaufen auf dem Wochenmarkt nicht leisten. Und welche 5-Euro-Kraft im Discounter beantwortet Fragen nach der Herkunft einer Kirsche?
Im Discounter regiert allein der Preis. Allein der Preis entscheidet, ob ich meiner Sehnsucht auf Kirschen nachgebe oder nicht. Aber warum bin ich heiß auf Kirschen? Das ist doch die entscheidende Frage. Was kompensiere ich und gibt es nicht etwas, womit ich diese Kirsche klimaneutral ersetzen kann?
Vielleicht geht hier auch die Diskussion in die richtige Richtung, ob man per Gesetz den Handel mit Kirschen im Winter verbieten sollte. Da, wo der schwache Mensch versagt, muss der starke Arm des Gesetzes ein Machtwort sprechen.
Noch sinnvoller wäre es, den Discountern zu verbieten, per verkaufsförderndem Lichtsystem Frische und Appetitlichkeit vor zu gaukeln und vor allem: appetitanregende Düfte über die Klimaanlage zu verbreiten. Stehe ich hier zwischen den Körben mit Kirschen, zwischen diesen dicken dunkelroten Dingern, von denen ich genau weiß, wie sie in meinem Mund zum süßen, zum sinnlichen Vergnügen explodieren werden, wie ich mir am liebsten Körbe voller Kirschen auf den nackten Körper prasseln lassen würde... Zum Henker mit den Leuten, die mir meine Kirschen nicht gönnen wollen! Wenn ich Kirschen will, will ich Kirschen!
Und trotzdem: es ist gut, dass es solche Konferenzen in verkopfter Runde gibt. Es ist gut, dass Vordenker wie Lord Giddens eine Bühne bekommen, ihre Thesen vorzustellen. Wenn es nach Giddens ginge, dürfte Klimaschutz nicht allein den Grünen überlassen werden. Mehr noch: über Parteigrenzen hinweg sollte ein ernsthafte Klimaschutzpolitik durch gesetzt werden.
Seufz. Wär' schön. Ist aber weit weg - im deutschen Wahljahr 2009.
Sabine Zimpel , ist Campaignerin
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