Türkische Parlamente werden grün
Klimaschutz wäre in der Türkei bitter nötig: billigster Massentourismus, Privatisierung der Gewässer, der weltgrößte Zuwachs an Treibhausgasen oder korrupte Politiker sind nur ein paar Gründe für den beispiellosen Raubbau an der Natur im osmanischen Reich.
Dabei ist der kleine europäische Teil der Türkei keinen Deut besser als der asiatische Teil jenseits des Bosporus. In der Türkei gilt: je ländlicher die Gebiete, desto schwieriger sind Fragen der Frauen- oder Bürgerrechte. In der Türkei gilt aber auch:je ländlicher die Gebiete desto selbstverständlicher sind Solarenergie und ökologisch orientierte Landwirtschaft. So rum und so rum: Das Stadt-Land-Gefälle in der Türkei ist extrem, auf beiden Seiten fehlt es an dem jeweils anderen Teil des grünen Elements..
Nicht nur eine Lücke, vielmehr ein Auftrag für Grün-denkende Politiker. Vor acht Monaten gründeten sie Yesiller, die grüne Partei der Türkei. Yesiller ist kein Ableger, keine Schwesterpartei anderer Grüner Parteien. Yesiller ist neu. Yesiller lässt sich nicht reinreden. Aber Yesiller nimmt durchaus mal einen Rat an. Yesiller lässt sich berichten, wie Grüne in anderen Staaten funktionieren, welche Fehler sie gemacht haben und was gut gelaufen ist.
Dazu kaufen sie sich Politik-Manager aus dem Ausland ein, oder solche, die sie dafür halten. Zum Beispiel mich. Auf mehrtägigen Seminaren löcherten sie mit Fragen zum Wahlkampf, zu Bürgerbüros, über den politischen Alltag. Sie diskutieren die Quote für Frauen, für Schwule und für Behinderte und darüber, wie man Mitglieder werben kann. Parteimitgliedschaft ist in der Türkei ein heißes Eisen. Viele Menschen sind von den bisherigen Möglichkeiten politischer Arbeit und vielen Korruptionsfällen abgeschreckt, Angst vor Repressionen und Polizeigewalt ist weit verbreitet.
Sie stellen hunderte Fragen, saugen alles in sich auf. Nicht jede Antwort gefällt ihnen. Das man als Grüne nun mal damit leben muss, grundsätzlich für alles die Schuld zu bekommen. Das man als Grüne immer besser und schneller sein muss, als die anderen. Das man als Grüne niemals niemals niemals Spenden von Firmen nehmen darf, die eine Gegenleistung dafür verlangen könnten. Dass man als Grüne authentisch sein muss und mit dem spritfressenden Geländewagen besser nicht vor dem Parteibüro parkt…
Interessant sind die Menschen, die Yesiller vorantreiben: sie sind jung, die meisten haben einen Hochschulabschluss. Frauen und Männer zu etwa gleichen Teilen. Sie sind Ärzte, Musiker und Informatiker. Und sie sind voller Energie.
Yesiller macht Hoffung. Hoffnung, dass der Klimaschutzgedanke Einzug in die türkischen Parlamente erhält und das Frauen- und Bürgerrechte ernsthaft auf die Tagesordnungen kommen.
Ende diesen Monats wird in den türkischen Kommunalparlamenten gewählt. Und nirgends sonst auf der Welt können sich Grüne Kandidaten so sicher sein, nicht nur ins Stadtparlament zu kommen, sondern auch Bürgermeister zu werden. Es sind nur eine handvoll Grüne, die in dieses Rennen gehen. Aber ihr Erfolg ist vorprogrammiert.
Sabine Zimpel , ist CampaignerinGuter Journalismus kostet
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