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Klimarelevanz im Call-Center

Falls Sie NeuleserIn dieser Kolumne sind - und für die Vergesslichen: ich wohne in Gelsenkirchen in einem ehemaligen Krankenhaus, zusammen mit anderen Lebenskünstlern im Altbau und den Besitzern digitaler Bilderrahmen im angebauten Sozialbau.

Heute Abend fand ich im Hausflur einen Aushang - mit schwarz-gelbem Rand. Wie unsensibel in einem Gelsenkirchener Haus, in dem ja alles blau-weiß leidet. Hing dann auch nicht lange, der falschen Vereinsfarben wegen.

Oder lags gar nicht am Fußball? Lags einfach nur an der schlechten Werbung?

Die Treuhandstelle (die unsere Bude gekauft und restauriert hat) will ihren lieben Mietern laut diesem Aushang zu billigerem Strom verhelfen. Bis zu 20 sensationellen Prozent soll man da einsparen können, wird versprochen. Famos! Reflexartig zähle ich eins und eins zusammen: Macht drei Kneipenbesuche mehr im Monat. Oder dreimal mehr Kino.

Allerdings, schwarz-gelb in Gelsenkirchen: Ist das etwa die verhasste Yello vom Karlsruher FC? Der Atomfreund in den eigenen vier Wänden? Klimakiller à la carte?

Jetzt macht sich Panik breit. Die vorwiegende Mieterstruktur der THS lässt befürchten, dass kaum jemand die Herkunft des Stromes interessiert. "Angebot", "billiger", "was kümmert mich die Zukunft" und - Zack Bum - haben sich wieder jene durchgesetzt, die dem kindlichen Charme des digitalen Bilderrahmen erlegen sind.

Ich also ans Telefon, die angegebene Servicenummer angerufen. Eine Viertelstunde später war die zunächst freundliche, später hörbar fix-und-fertige Call-Center-Dame mit sächsischen Akzent fortbildungsreif. Meine Frage war tatsächlich die erste, die Klimarelevanz statt Kostenersparnis betrifft.

Zunächst holte die Call-Centerin ganz offensichtich einen Ordner, um sich und mir den Namen des potenten Stromanbieters zu buchstabieren. Das Produkt heißt "Clevergy" und kommt von einer  Tochtergesellschaft der Nürnberger/Hannoverschen Stadtwerke.

Aha. Wattet allet jibt. Ich bin irritiert. Morgen erst mal recherchieren.

Am Ende des Aushangs heißt es: "Auch der Ökostrom ist bei unserem Stromanbieter günstiger." Bisher wollte den aber niemand kaufen, weil dieser Ökostrom teurer als der "normale" Strom ist.

Was denn der "normale“ Strom sei, wollte ich wissen. Wo er herkomme, wer ihn mache und wie... und ob man nicht auch irgendwie diesen "normalen" Strom mitfinanziert, wenn man "Ökostrom" dieses Anbieters kauft. Oje. Das war der Zeitpunkt, ab dem mir die sächsische Call-Center-Dame leid tat.

Also muss ich morgen mal weiter rum telefonieren und ein paar Leute auf dieses Vergnügen aufmerksam machen. Heute Abend ist ja wohl bei "Clevergy" in der Öffentlichkeitsabteilung leider keiner mehr da.

Und heute Nacht mache ich erst mal einen neuen Aushang. Mit blau-weißer Umrandung und Werbung für richtigen Ökostrom.

Sabine Zimpel , ist Campaignerin

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