Unterwegs im Gehmobil
Die Jugend muss heute automobil sein. Sagt ihr jeder Firmenchef bei der Bewerbung. Charaktereigenschaften sind nicht mehr ganz so wichtig wie der Führerschein. Automobil kommt aus dem Lateinischen und heißt übersetzt so viel die "selbst beweglich". Das ist ganz und gar grotesk: Eben weil man heute spätestens mit 19 seinen Führerschein besitzt und dann auch gleich sein erstes Auto - Kurzform von Automobil - ist man eben spätestens ab 19 nicht mehr selbst beweglich, sondern läßt die pferdestarke Maschine einen durch die Gegend kutschieren.
Kein Wunder, dass die Jugend ein Gewichtsproblem hat.
Die Umweltbande Umpfelgrumpfel hat den tieferen Wortsinn erkundet - und ein "Gehmobil" entwicket. Dazu zimmerten wir sechs Holzgestelle, jeweils in der Größe eines Kleinwagens. Diese Gehzeuge kann sich ein Kind umschnallen und sich damit fortbewegen. Denn sich fortbewegen bedeutet doch schließlich "mobil" zu sein. Gut, uns sind ein paar Konstruktionsfehler unterlaufen: Die Gestelle sind ein bisschen schwer geworden, immer drei Kinder müssen ein Gehzeug tragen. Sind sozusagen 3 KS-Mobile.
Auf Nummernschildern und Rädern stehen unsere Parolen und Forderungen: "Autofreundliche Innenstädte, nein danke! Wir wollen Platz zum Leben!" Denn das ist doch schon grotesk: Wozu für eine 60 Kilogramm schwere Person anderthalb Tonnen Stahl in Bewegung setzen?
Wir haben sogar Polizeischutz auf unserer Tour um die Innenstadt bekommen. Vor dem Bahnhof verursachten die Gehmobile einen netten Stau. Viele Passanten sind neugierig, fragen uns nach unseren Gründen. Die Umpfelgrumpfelkinder wollen saubere Luft in Innenstädten, Raum zum gefahrlos Spielen statt Parkplätzen für die
Blechmobile und natürlich eine Zukunft ohne Klimawandel. Leider schütteln auch manche Schaulustige den Kopf und tun die Aktion als Spinnerei ab. Doch wir geben nicht auf. Ab jetzt wird diese Aktion jedes Jahr stattfinden. "Wir wollen Platz zum leben" heißt die Devise!
War übrigens so, dass wir zum Feiern auf den Wacholderhof, einem Biolandbetrieb, eingerückt sind. Der Hof ist ziemlich abgelegen auf einem Hügel. Wir sind dann doch lieber mit dem Fahrrad angereist, denn das verbraucht deutlich weniger Energie als die 3- KS-schweren Gehmobile. Und auf dem Biohof lassen sich die verlorenen Kalorien bestens wieder auftanken.
Also: Um korrekt zu sein, die meisten sind mit dem Fahrrad angereist. Die Fußkranken kamen automobil.
Silvia Hämmerle absolviert beim BUND in Baden-Würtemberg ein Praktikum.
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