Wut auf die Wutbürger
Reimers kleine Zahlenkunde
Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat das Wort des Jahres gewählt: Wutbürger. In ihrer Urteilsbegründung argumentierten die Sprachkundler: "Diese Neubildung wurde von zahlreichen Zeitungen und Fernsehsendern verwendet, um einer Empörung in der Bevölkerung darüber Ausdruck zu geben, dass politische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden." Das Wort dokumentiere zudem ein großes Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger, über ihre Wahlentscheidung hinaus ein Mitspracherecht bei gesellschaftlich und politisch relevanten Projekten zu haben.
Echt? Ist das so?
Als Erfinder des Wortes dürfte der Spiegeljournalist Dirk Kurbjuweit gelten. Im Oktober schrieb er: "Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die Politiker. Er zeigt sich bei Veranstaltungen mit Thilo Sarrazin und bei Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21."
Wutbürger sind also alternde Schreihälse, die Angst vor der Zukunft haben. Kurbjuweit führt aus, dass es selbstverständlich Unterschiede gebe zwischen Stuttgart 21 und Sarrazin: "Wer in Stuttgart brüllt, würde vielleicht nicht für Sarrazin schreien und umgekehrt. Aber es gibt Parallelen, es geht jeweils um Zukunftsvergessenheit. Der Wutbürger wehrt sich gegen den Wandel und er mag nicht Weltbürger sein. Der Wutbürger hat das Gefühl, Mehrheit zu sein und die Lage besser beurteilen zu können als die Politik. Er macht sich zur letzten Instanz und hebelt dabei das ganze System aus."
Wutbürger - ausgewählt werden von der Gesellschaft für deutsche Sprache solche Worte, die die Debatte eines Jahres am besten widerspiegeln. Auf Platz zwei des Rankings "Wort des Jahres" wählten die Sprachkundler deshalb für 2010 "Stuttgart 21", Platz drei belegt das "Sarrazin-Gen". "Schottern" liegt auf sechs und "Wikileaks" auf fünf.
Und es stimmt ja: Dieses Jahr war ein protestreiches. Allerdings handelte es sich nicht um Wutbürger, sondern um Bürgerproteste. Bürger sind tausendfach für ihr Anliegen auf die Straße gegangen, gegen CCS, einen irre teuren Prestigebahnhof oder für die Energiewende.
In München, Gorleben oder Berlin: Es waren nicht "Wutbürger", sondern Weitsicht-Bürger, die gegen eine Klientelpolitik auf die Straße gingen, die unsere Zukunft gefährdet. In einer Zeit, wo wir die Lebenserwartung eines Neugeborenen auf das Jahr 2110 hochschrauben, aber nicht in der Lage sind, die von der Wissenschaft geforderte Klima- und Energiewende bis 2020 hin zu bekommen, muss man einfach auf die Straße gehen.
"Bürgerprotest" wäre als Wort des Jahres also deutlich treffender gewesen. Dass die deutschen Sprachkundler sich allerdings für dieses diskreditierende "Wutbürger" entschieden, zeigt ihre Geisteshaltung.
Nick Reimer ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info
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