Klimaschutz lohnt sich - doch nicht
Endlich mal ne gute Nachricht: Dank der Wirtschaftskrise konnte die Bundesrepublik ihre Klimaschutz-Bilanz 2009 erheblich verbessern. Wie das Umweltbundesamt mitteilte, wurden 80 Millionen Tonnen oder 8,4 Prozent weniger Treibhausgase aus Öfen, Autos, Kraftwerken und sonstigen Quellen ausgestoßen als 2008. Im Vergleich zu 1990 lag der Rückgang damit bei 28,7 Prozent.
Na bitte, geht doch! Klimaschutz lohnt sich. Nach 20jähriger Reduktionsbemühung ist das deutsche Kyoto-Ziel vorfristig erreicht.
Halt, Moment! Klimaschutz lohnt? Dieses Magazin hatte sich in einer Serie sich mit der Klimaschutz-Bilanz von Angela Merkels erster Amtszeit auseinander gesetzt und herausgefunden, dass nicht mal halb so viel auf der politischen Bühne passiert ist, wie ursprünglich vom Kabinett Merkel beabsichtigt. Und wenn wir uns die jüngste Schacherei bei den Mitteln zu Gebäudesanierung ansehen, gibt es keinen Grund zu vermuten, dass die aktuelle Regierung es besser machen wird.
Und mit Verlaub: Noch nie hat in Deutschland eine Regierung beim Klimaschutz geglänzt - vielleicht das erste Kabinett Schröder/Fischer mit Atomausstieg und Ökosteuer ausgenommen. Das zweite Kabinett Schröder/Fischer beerdigte sogar das deutsche Klimaschutz-Ziel von 1991. Damals hatte der Bundestag beschlossen, dass die alten Bundesländer ihren Treibhausgas-Ausstoß bis 2005 um 25 Prozent verringern müssen.
Klimaschutz lohnt sich eben nicht, auch wenn in den Umfragen die Leute immer das Gegenteil behaupten. Würden die Wähler Klimaschutz massenhaft goutieren, könnten es sich Parteien nicht mehr erlauben, ihr Wahlprogramm mal eben über den Haufen zu schmeißen (wie jüngst in Brandenburg passiert) - und das Abbaggern von Braunkohle ganz toll zu finden.
Das Problem mit den Zahlen in Deutschland ist: Der Kohlendioxid-Ausstoß sank, obwohl keine vernünftige Klimapolitik gemacht wurde. Die Politiker entlastet das einmal mehr, tatsächlich in das Alltagsleben der Wähler einzugreifen. Denn das Strom teurer, Fliegen rarer, Fleischkonsum beschränkter werden muss ist einleuchtend angesichts des Ziels, den Treibhausgas-Ausstoß auf 10 Prozent unseres derzeitigen Umfanges zu reduzieren. Und uns Wählern sagt der Treibhausgas-Rückgang: Solange wir reduzieren können OHNE auf Fliegen, Fleisch und Protz-PS verzichten zu müssen, solange verzichten wir nicht (und fordern das auch nicht von der Politik als gesellschaftliche Norm ein).
So gut die Zahlen also sind, so schlecht sind sie auch. Und natürlich wird es nicht dabei bleiben. Soeben vermeldet die Nachrichtenagentur, dass die Produktion der deutschen Stahlwerke wieder deutlich angestiegen ist. Im Februar lag demnach die Rohstahlproduktion mit 3,4 Millionen Tonnen um 34 Prozent über dem entsprechenden Vorjahresmonat, wie die Wirtschaftsvereinigung Stahl am Montag in Düsseldorf mitteilte. Und weil die Stahlproduktion ein extrem klimaschädlicher Vorgang ist, bedeuten 34 Prozent Stahl mehr auch 34 Prozent mehr Kohlendioxid.
Wetten, dass die schöne Bilanz 2009 schon bald Makulatur ist?
Nick Reimer ist Chefredakteur des Online-Magazins wir-klimaretter.de
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