[2 Grad Celsius] contra [1,5 Grad Celsius]
Reimers kleine Zahlenkunde
Ein großer Schritt für die Klimakonferenz – aber nur ein kleiner für den Klimaschutz: Die Vorsitzenden der Arbeitsgruppen, John Ashe und Michael Zammit Cutajar, haben am Freitag einen offiziellen Verhandlungstext vorgelegt. Damit gelang zum ersten mal in Kopenhagen ein Erfolg in der Offensive.
Bis dato nämlich waren die Klimadiplomaten ausschließlich mit Abwehr-Arbeit beschäftigt: Die USA werden das Kyoto-Protokoll nicht unterschreiben (sondern wollen ein anderes Klimasystem), China wird kein anderes Klimasystem akzeptieren (sondern eine zweite Handlungsperiode unter dem Kyoto-Protokoll fordern). Die Staaten mit der jeweils deckungsgleichen Interessenlage spielen in den jeweiligen Manschaften mit: Die Industriestaaten im Team USA, die Schwellen- und Entwicklungsländer bei den Chinesen.
Die Systemfrage ist eine entscheidende: das Kyoto-Protokoll besagt, dass lediglich die Industrieländer ihre Emissionen mindern müssen, China und Co. aber nicht. Begründet ist dies in der historischen Schuld: 80 Prozent aller Treibhausgase in der Atmosphäre stammen aus Industrieländern. Mannschaftskapitän China lehnt deshalb konsequent ab, auf dem Verhandlungsparkett über eigene Reduktionsbemühungen auch nur zu reden.
Andererseits wird ohne Anstrengungen speziell dvon Schwellenländern wie China das zwei Grad-Ziel nicht mehr zu schaffen sein. Und weil es im Kyoto-Regime keine Spielregel gibt, die China und Co. zu eigenen Reduktionszielen zwingen kann, fordern die USA nicht zu unrecht ein neues System. Ein Abkommen in Kopenhagen droht so ausgerechnet am Kyoto-Protokoll zu scheitern: Die Konferenz konnte sich in der ersten Woche noch nicht einmal darauf einigen, worüber sie nun eigentlich berät.
Zudem klang die Begleitmusik an vielen Stellen disharmonisch: So stoßen die deutschen Finanzzusagen genausowenig auf Wohlwollen, wie die der EU. Wenn Geld, dass schon einmal zur Hungerbekämpfung versprochen worden war, nun ein zweiten Male mit großer Gönnermiene offeriert wird, wird das Misstrauen der Entwicklungsländer weiter wachsen.
Um das klar zu sagen: Die EU ist in der Pflicht, ihre Klimaschuld abzutragen – finanziell und mit einer Vorreiterrolle bei der Reduktion. Wer von China stärkeres Engagement beim Reduzieren verlangt, der muss den Chinesen mehr zahlen. Und was für die Chinesen gilt, gilt für die 159 anderen Staaten der G77 genau so.
Deshalb ist ein vorgelegter Verhandlungstext ein großer Schritt für diese Konferenz. Was jetzt noch fehlt sind große Zahlen.
Nick Reimer ist Chefredakteur von wir-klimaretter.de
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