Die Gunst der Stunde
Es ist demnächst 20 Jahre her, dass die Brandenburger auf die Straße gingen. „Wir sind das Volk“ skandierten sie in den Bezirkshauptstädten Cottbus, Potsdam oder Frankfurt/Oder. Und sie ließen erst locker, als SED-Chefs zum Teufel gejagt, Stasi-Zentralen aufgelöst und die Demokratie ausgebrochen war.
20 Jahre später bietet sich dem Volk von Brandenburg wieder eine ganz wunderbare Gelegenheit, Demokratie zu üben und die Despoten aus dem Land zu jagen. „Keine neuen Tagebaue“ heißt das Volksbegehren, dass bis 9. Februar 80.000 Unterschriften braucht. Der schwedische Konzern Vattenfall will in der Lausitz mindestens vier neue Tagebaue aufschließen, um auch nach 2030 noch aus Braunkohle Strom machen zu können. Das würde bedeuten: Zwangsumsiedlung für die Anwohner, Maximalprofit für die Aktionäre und schwerste Schäden für das Klima. Denn kein anderer Rohstoff ist so klimaschädlich wie Braunkohle - pro Kilowattstunde Strom entsteht dreimal so viel Kohlendioxid, als wenn diese etwa durch Gas produziert worden wäre.
Die Wissenschaft hat klar aufgezeigt, was die Erderwärmung für Brandenburg bedeutet: weniger Regen, mehr Dürren. In der Mark wird Landwirtschaft unmöglich, in der Prignitz werden Bäume selten und die Trinkwasserversorgung Berlins geht auch den Bach runter: Zwei Drittel gewinnt die Hauptstadt ihr trinkbares Nass aus Uferfiltrat der Spree.Die aber wird Mitte des Jahrhunderts kaum noch Wasser führen.
Alle Kirchturmglocken schlagen also in Berlin und Brandenburg Alarm. Und zum Glück gibt es ja nun auch diese Volksbegehren: Fürstenwalde im Osten Berlins steht beispielsweise mit seinen Datschen, Einfamilienhäusern, Schrebergärten auf feinster Braunkohle, die von Vattenfall nur allzugern gehoben werden würde (um damit dickes Geld zu verdienen).
Und was passiert? Die Generation „Wir sind das Volk“ interessiert sich nicht für das Volksbegehren. Obwohl von dieser Entscheidung 100 Prozent aller brandenburger Wahlberechtigten betroffen sind, haben sich gerade einmal 1 Prozent in die Listen eingeschrieben. Das zeigt einerseits, dass Vattenfall mit seiner Volksverdummungskampagne genauso erfolgreich ist wie weiland einst die SED. Und das zeigt andererseits: Die Zeit ist noch nicht reif für Klimaschutz. Noch nicht einmal bei den deutschlandweit am stärksten betroffenen Brandenburgern ist das Thema angekommen.
Nick Reimer ist Chefredakteur wir-klimaretter.de
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