Noch nicht einmal 50 von 2.000
Derzeit laufen die Vorbereitungen für ein ganz beachtliches Jubiläum: ein Jahr Energiewende, ausgerufen vor einem Jahr, ausgerechnet von den Konservativen. Klar, das kam nicht ganz freiwillig damals nach Fukushima, denn Union und FDP hatten ja gerade erst sechs Monate zuvor den Untergang des Wirtschaftsstandortes Deutschland ausgemacht für den Fall, dass die Atomkraftwerke tatsächlich abgeschalten werden sollten. Also Laufzeitverlängerung "Ja" - und zwar ganz ordentlich: 12 Jahre als "Brücke" ins regenerative Zeitalter.
Nach Fukushima sprach die Kanzlerin nur ganz kurz von "Irrtum". Der Untergang des Wirtschaftsstandortes Deutschland war jetzt doch nicht mehr so ganz direkt mit den Laufzeiten der AKWs verbunden, die Laufzeit der Kanzlerin dagegen irgendwie schon. Entsetzt mussten die gerade noch siegreichen Eons, RWEs, EnBWs und Vattenfalls konstatieren, dass sie sich mit ihren finanziell abgeschriebenen Gelddruck-Maschinen namens Biblis, Krümmel, Neckarwestheim und Co. plötzlich nicht mehr durchsetzen konnten in den Bundesministerien für Wirtschaft, Bau und Umwelt.
Klaus-Dieter Scheurle, Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, erklärte im Januar des Jahres 2012: "Die erneuerbaren Energien sind die tragende Säule für unsere Energieversorgung der Zukunft. Ihr Ausbau ist das zentrale Ziel des Energiekonzeptes der Bundesregierung." Um Gottes Willen! Was soll denn nun aus den Eons, RWEs, EnBWs und Vattenfalls werden? Die produzieren schließlich immer noch 68 Prozent des deutschen Stroms! (Oder waren es 2011 nur noch 66 Prozent?)
Staatssekretär Scheurle gibt da gern Rat: "Bis 2030 sollen deutsche Offshore-Windanlagen 25 Gigawatt Strom erzeugen und damit die Jahresleistung von rund 20 Atomkraftwerken ersetzen. Um dieses anspruchsvolle Ziel zu erreichen, werden wir Genehmigungen künftig vereinfachen und Verfahren beschleunigen."
Ja, genau! Die Genehmigungsverfahren! Skandal! Viel zu bürokratisch! RWE möchte ja nun sehr gerne in Offshore-Windkraft investieren. "Wir sind der größte Investor in erneuerbare Energie in Europa", sagt der frühere auf Offshore-Windkraft spezialisierte REpower-Chef und heute für für die RWE-Erneuerbaren-Sparte zuständige Fritz Vahrenholt. 2.370 Megawatt erneuerbare Wind-, Wasser- und Solarleistung habe RWE schließlich bereits aufgebaut!
Kleiner Einschub: Die Datenlage ist nicht ganz eindeutig, RWE macht die Recherche da auch nicht gerade leicht. Auf Deutschland entfällt demnach ungefähr ein Zehntel der 2.370 Megawatt.
Wie jetzt: Der deutsche Konzern RWE macht in anderen Ländern mehr Umsatz mit erneuerbaren Energien als im Energiewendeland Deutschland? Aber warum denn?
Eine Antwort könnte lauten: Weil RWE bis Fukushima glaubte, mit seiner Atomkraft hierzulande durchzukommen. Schließlich gibt es einen Einspeisevorrang für erneuerbare Energie. Jeder in Windkraft investierte Cent wäre demnach rausgeschmissenes Geld, denn es kann ja immer nur EIN Cent investiertes Kapital arbeiten - der neu in Windkraft investierte oder der längst abgeschriebene im Atomkraftwerk.
Eine andere Antwort gibt RWE-Erneuerbare-Chef Fritz Vahrenholt: Das Kompetenzwirrwarr bei den wichtigen Hochsee-Windparks habe zu einer "hochgradig angespannten Situation" geführt, klagte Vahrenholt. Der Genehmigungsprozess für die meisten der 25 geplanten Windparks sei immer noch weit vom Abschluss entfernt. RWE will, will, will ja in Deutschland investieren, die vielen Unsicherheiten drohten die Investitionsbereitschaft der Energiekonzerne zu untergraben. Hier ein Auszug aus dem Bericht der Nachrichtenagentur dapd über die Pressekonferenz von Fritz Vahrenholt:
'Die deutschen Verwaltungen seien offenbar nicht auf das Thema Hochsee-Windparks vorbereitet, bemängelte Vahrenholt. Die praktischen Probleme im Genehmigungsverfahren reichten vom Schallschutz für Schweinswale bei den Bauarbeiten, über die Anbindung der Windparks ans Stromnetz bis zu - nach Vahrenholts Auffassung - völlig überzogenen Normen für die Fundamente der Windanlagen. 'Wir haben den Eindruck, dass zu viele Köche im Brei rumrühren. Es kann nicht sein, dass sich jede Behörde austobt', kritisierte der RWE-Manager. Vergleichbar massive Probleme gebe es in anderen Ländern wie Großbritannien, Belgien oder in den Niederlanden nicht." Zitat-Ende des Berichts der Kollegen von dapd.
Dankenswerterweise hat nun das zuständige Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) seine Jahresbilanz 2011 veröffentlicht. Die Gesamtzahl der von der obersten Genehmigungsbehörde bewilligten Offshore-Windräder überschritt demnach im Jahr 2011 die Zahl von 2.000. Gebaut und ans Netz angeschlossen sind in deutschen Hoheitsgewässern davon noch nicht einmal 50.
Also RWE, wie war des jetzt nochmal mit dem Kompetenzwirrwarr? Mit Vorbereitung auf das Thema Hochsee-Windparks? Ist es nicht vielmehr so, dass Euer Gemecker an den Behörden billig davon ablenken soll, dass ihr bis vor einem Jahr gar nicht in deutsche Offshore-Projekte investieren wolltet? Wegen Eurer Atomkraftwerke?
Eben.
Ihr könnt jetzt ganz still, demütig und beflissen die restlichen 1.950 Offsore-Windräder bauen, die schon genehmigt sind. Und dann unterhalten wir uns nochmal über die "praktischen Probleme im Genehmigungsverfahren".
Nick Reimer ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info
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Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die
schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit den Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist. Heute Teil 6: das Offshore-Beschleunigungsgesetz, das augenscheinlich für die Großkonzerne beschlossen wurde. Nach früheren Plänen hätten sich im Jahr 2010 bereits mehr als 2.000 Megawatt installierter Leistung in deutschen Hoheitsgewässern drehen sollen. Gerade einmal fünf Prozent waren davon realisiert.
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