Mehr Kohlendioxid bedeutet weniger FDP
Müllers Büro
Die Erhebungen des Weltklimarates kommen zu schockierende Ergebnissen: Die Menschheit steuert deutlich schneller als bislang erwartet auf den Abgrund zu. Der Anstieg des Wärme stauenden Kohlendioxides, das etwa 80 Prozent des trockenen Treibhauseffektes ausmacht, übertrifft die Prognosen des IPCC deutlich. Er ist dreimal schneller als im letzten Jahrzehnt und damit weitaus stärker als erwartet. Die Emissionen nehmen durchschnittlich um dreieinhalb Prozent zu. Damit wird es fraglich, ob das von den Klimaforschern geforderte 2 Grad-Ziel der Erwärmung noch zu erreichen ist.
Das wird wahrscheinlich dramatische Kettenreaktionen auslösen. Besonders das Auftauen der Permafrostregionen, die fast 60 Prozent der Landfläche auf der nördlichen Halbkugel ausmachen, birgt immense Gefahren: Die dauergefrohrenen Böden beherbergen Milliarden Kubikmetern Methan, ein Treibhausgas das 22 mal so aggressiv wie Kohlendioxid ist.
Die Ursachen für den rasanten Anstieg liegen in dem massiven Ausbau der Kohlekraftwerke in den Schwellenländern. Allein in China kommt pro Jahr eine Erzeugungskapazität neu hinzu, die der unseres Landes entspricht. Ein weiterer Faktor ist das hohe Wachstum des motorisierten Verkehrs. Schließlich wird schneller als erwartet große Mengen an natürlich gebundenen Kohlenstoff freigesetzt – in den Mooren, den Regenwäldern und beim Auftauen des Permafrosts. Zudem ist die Versauerung der Meere stark angestiegen, so dass auch die Ozeane wenigen CO2 binden.
Der Klimawandel ist also ungleich schneller als die Gegenstrategien der einzelnen Länder und der Weltgemeinschaft. Die ökologische Selbstzerstörung wird denkbar. Nun wird es zur Überlebensfrage, ob sich die Weltgemeinschaft schnell auf ein weltweites Reduktionsprogramm einigen kann. Die Krise ist eine Chance, denn sie macht Handeln zur Stärkung und Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft notwendig. Deutschland muss dabei vorangehen – auch im eigenen Interesse.Und mit der Krise, die immer mehr zu einer globalen Deflation wird, formieren sich Politik, Gesellschaft und Ökonomie neu. Erst langsam ergibt sich ein neues Bild, das anfangs unklar und verzerrt bleibt. Doch es geht tatsächlich um eine Systemkrise, der globale Finanzkapitalismus ist am Ende. Immer deutlicher wird, dass sich etwas Neues herausbildet, das gestaltet werden muss.
Noch ist der Druck der Krise und der Wunsch, das alles so bleibt, noch zu groß, um die Perspektiven zu erkennen. Von daher polarisiert sich die Öffentlichkeit zwischen dem Lager der vermeintlichen Wirtschaftskompetenz, das sich in einem bösen Rückfall in die fünfziger Jahre auch bürgerliches Lager nennt, und dem Lager der sozialen Kompetenz. Das wird sich in den nächsten Wochen aber verschieben. Die Verunsicherung nimmt zu, scheinbar fest gefügte Lager werden aufbrechen. Die Parteien, die nur mit einer Kompetenz verbunden sind, werden verlieren. Die Parteien, die neben ihrer Hauptkompetenz auch eine Zukunftskompetenz haben, werden wachsenden Zuspruch erhalten. Dann wird es auch zwischen den Lagern zu einem Austausch kommen.
Das eröffnet ganz neue Chancen für Rot-grün. Sie werden mehrheitsfähig, wenn sie ihre beiden Grundideen – soziale Gerechtigkeit und ökologische Verträglichkeit -, die unser Jahrhundert prägen, mit Zukunftskompetenz verbinden: Bildung, Innovationen, Nachhaltigkeit. Die Union kann das nicht, FDP und Linkspartei schon gar nicht. Sie sind Blutsauger anderer Parteien, die nur dann stärker werden, wenn die versagen.
Michel Müller (60), SPD-Umweltpolitiker.Guter Journalismus kostet
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