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Keynes richtig verstehen

John Maynard Keynes, der britische Liberale, hat angesichts der Wirtschaftskrise wieder Konjunktur. Überall schwirren seine Ideen der Konjunkturbelebung. Doch es ist klüger, genauer zu lesen und Keynes besser zu kennen. Sonst wird vor allem seine Stagnationstheorie ignoriert und übersehen, dass der Ökonom gegen die Geschichtsvergessenheit der Ökonomik wetterte und für eine linke Wirtschaftsethik plädierte. Natürlich war John Maynard Keynes kein Sozialist oder Ökologie, er war ein liberaler, ja auch ein Lebemann und Liebhaber teurer Weine. Dennoch leibt seine Erkenntnis richtig, dass die soziale Disziplinierung und die Kontrolle der Finanzmärkte eine Voraussetzung für die Verhinderung von Kriegen und Krisen ist. In dem Sinne hat er sich als „liberaler Sozialist“ verstanden, der die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit als unabdingbare moralische Frage eingeordnet hat.

Sein grundlegendes Werk über die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes entstand aus der Einsicht, dass die Rezepte zur Bewältigung der Depression nicht ausreichen, um den „kapitalistischenIndividualismus“ zu überwinden, denn die Zukunft sei, so Keynes 1930, von „technologisch verursachter Arbeitslosigkeit, Unordnung imWirtschaftskreislauf, die Arbeit und Kapital vernichtet, und den wucherischen Umtrieben des Finanzmarkts“ geprägt. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Milton Friedman zu tun, der in den letzten zwei Jahrzehnten angeblich so „modern“ war. Er setzte sich über Massenarbeitslosigkeit mit der zynischen Formel von der „natural rate of unemployment“ hinweg und  verdingte sich sogar als Berater von Chiles Diktator Pinochet.

Tatsächlich ging Keynes sogar, wie der linke deutsche Wirtschaftstheorethiker Karl-Georg Zinn nachgewiesen hat, in seinemStagnationstheorem von einem Auslaufmodell Wachstumsfetischismus aus. Er war damals schon weiter als die meisten Politiker und Wirtschaftsforscher heute. Er hat die langfristigen Tendenzen des Kapitalismus durchaus gesehen, sogar die grundlegende Revision der Wachstumsorientierung als notwendig vorhergesagt. Für ihn war diese Perspektive keine Katastrophe, sondern kulturell durchauslukrativ, so dass Keynes von der Möglichkeit eines Eldorados sprach.

Natürlich reicht die Keynessche Theorie nicht aus, um zu einer nachhaltigen Entwicklung zu kommen, zumal er sich mit seinen Konzepten weder beim New Deal von 1933 noch in Bretton Woods 1944 umfassend durchsetzen konnte. So ist beispielsweise die Havanna Charta von 1947, in der eine umfassende Weltordnung auf der Basis seiner Vorschläge konzipiert wurde, die auch den fairen, sicheren und dauerhaften Zugang zu den Ressourcen und den Schutz des Naturkapitals einbezogen, leider Papier geblieben. Der kalte Krieg begann und ordnete alles allein nach ideologischen Kriterien. Die USA waren dagegen und der Antreiber Keynes, der 1946 starb, fehlte.

Auch die falsche Bindung der Weltwährung an den Dollar hat er nicht verhindern können. Seine Alternative, die Universalwährung Bancor, war gegen den Widerstand der USA, die den alten Wirtschaftskonkurrenten England möglichst klein halten wollten, nicht durchzusetzen. Stattdessen setzte sich Harry Dexter White, der Vizefinanzminister und amerikanische Verhandlungsführer, mit der Dollarbindung der Weltwährung durch.

Heute finden die Arbeiten von Keynes wieder großes Interesse, aber sie werden in der Regel nur verkürzt wiedergegeben. Die Umwelt- und Naturschutzbewegung muss sich dafür einsetzen, dass dessen Rezepte nicht auf einen Wachstumsfetischismus um jeden Preis verkürzt werden. Wir müssen den Scheinwerfer auf die Langfristperspektive der Keynesschen Ökonomik richten, um die sozialen und gesellschaftlichen Perspektiven zu öffnen. Maßstab ist die Idee der Nachhaltigkeit. Dann kann die Krise für eine Erweiterung der politischen Gestaltungsperspektiven genutzt werden, für eine Ökonomie des 21. Jahrhunderts.

 

Michel Müller (60), SPD-Umweltpolitiker.
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