Die Arroganz der Macher
Müllers Büro
Linum. Ein kleiner Ort rund 80 Kilometer von Berlin entfernt. Ein Dorf der Störche, Gänse und Kraniche. Im örtlichen Gemeindehaus tagen die Freunde der Gänse. Gerade denen, die wenig in der Öffentlichkeit sind, sich aber selbstlos für den Artenschutz einsetzen, muss gedankt werden. Es ist mehr als das. Kurz bevor es dunkel wird, ziehen sie nach draußen zu den Feuchtgewässern, Fernsteher, Fernrohre und Kameras mit langer Brennweiten unter dem Arm. Eine kurze Zeit des Wartens und dann kommen sie. Tausende von Gänsen und Kraniche im Formationsflug, die sich im Schilf niederlassen. Jeweils wie ein großer Hacken, ohne sich zu berühren. 94.000 Gänse und 16.000 Kraniche wurden dieses Jahr gezählt.
Es sollte Pflicht für jeden Entscheidungsträger sein, dieses Naturschauspiel zu sehen. Manche Debatte über die Mopsfledermaus wäre uns erspart geblieben. Es ist eben nicht die Umwelt, die wir zu schützen haben, sondern die Mitwelt, auf die wir angewiesen sind. Das wäre doch was: Bundestag und Bundesrat machen nächstes Jahr im Herbst eine gemeinsame Fahrt nach Linum und sehen sich den Vogelflug an. Aber ruhig sollten sie sein, damit sie das, was dort passiert, auch aufnehmen können.
Und immer wieder, aber auch immer dreister kommt die Debatte um die Atomkraft hoch. Wann endlich wird begriffen, dass es nicht nur um die bekannten Argumente gegen die Nutzung nuklearen Stromerzeugung wie ungeklärte Entsorgung des Atommülls, die nicht verantwortbaren Sicherheitsrisiken, wobei der nicht auszuschließende Schadensumfang das entscheidende Kriterium ist, und die Ausbreitung des atomaren Know hows auch für Länder mit autoritär-diktatorischen oder fundamentalistischen Regimes geht, auch nicht nur um einige neuere wie die terroristische Dimension, obwohl mehrere AKWs zum Beispiel in einem unmittelbaren Einflugbereich von Flughäfen liegen.
Hohe Bedeutung haben vielmehr die systemaren Zwänge des Atomsystems, das unmittelbar mit einer expansiven Stromnutzung und eine möglichst hohen Auslastung der Großkapazitäten verbunden ist. Außerdem ist ein Kraftwerk, dass in der Spitze einen Wirkungsgrad von 36 Prozent nicht übersteigt, schon lange nicht mehr zeitgemäß. Auf jeden Fall ist diese Verschwendung mit dem hehren Ziel der Effizienzsteigerung nicht vereinbar. Auch deshalb geht es um Energiedienstleistungen, die dezentral, bedarfsgerecht flexibel und in den unterschiedlichsten Energietechnologien vernetzbar sein müssen.
Apropos Innovationen. Der „Modernisierer“ Wolfgang Clement ist aus der SPD ausgetreten. Der Politiker, der unzählige Baukräne aufgestellt hat, ohne eine Baustelle zu beenden. Dessen politische Kommentare oftmals über die flüchtigen Kommentare der Regenbogenpresse nie hinauskommen, weshalb er von denen auch besonders gehätschelt wurde. Das Ende des früheren „Superministers“, der nicht verkraftet hat, das niemand 2005 nach ihm gerufen hat.
Clements kühne These heißt, der Umbau der Energieversorgung führe zur De-Industrialisierung Deutschlands. Das Gegenteil ist richtig, aber übersteigt die politischen Denkkategorien Clements, denn es erfordert die Philosophie der Nachhaltigkeit, um zu der Fernstenliebe zu kommen, die nach Hans Jonas das Prinzip Verantwortung ausmacht. Was aber sagt dieser so sture Clement, dass seine Ideologie der Anpassung an ökonomische Zwänge mit der globalen Finanzkrise für alle sichtbar grandios gescheitert ist. Politische Verantwortung heißt dagegen Antizipieren, um Chancen zu nutzen und Gefahren zu minimieren. Nur der Zeitgeist steht auf Anpassung. Mit Reform oder Reformern hat das nichts zu tun.
Zudem ist es schlicht unfair, wie er – auch als Stichwortgeber einer populistischen Mediokratie, die von Politikern öffentlich unbequemes Denken fordert, bis sie es tun - mit Hermann Scheer umgeht. Man braucht wahrlich nicht in allen Punkten einer Meinung mit dem Präsidenten von Eurosolar zu sein. Und auch seine Tutulierung als Sonnenkönig ist nicht in allen Aspekten falsch. Aber Hermann Scheer kann auch stolz sein auf das, was er geleistet hat. Er ist einer der wichtigsten Motoren einer Innovation, auf die unser Land stolz sein kann, die Erfolgsgeschichte der Erneuerbaren Energien. Hätten wir da auf die vielen falschen Ratgeber aus Wirtschaft und Wissenschaft gehört, wir wären längst nicht so weit.
Es gibt leider zu wenige Politiker, mit denen eine Idee verbunden ist, die sie konsequent verfolgen. Hermann Scheer gehört dazu. Das allein hebt ihn heraus. Das macht ihn auch angreifbar gerade von denen, die keine Ideen haben, die zur sittlichen Anleitung für das eigene Handeln wird.
Michel Müller (60), SPD-Umweltpolitiker.Guter Journalismus kostet
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