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Klimawandel und Sicherheit

Müllers Büro

michael_mller.jpgAm Hafen von Cuxhaven, wo sich neue Firmen für Offshore-Wind ansiedeln, wird die technologische Dynamik der erneuerbaren Energien deutlich. In den gewaltigen Hallen werden parallel „Füße“ der vor der Küste aufzustellenden Anlagen produziert, die einen hohen technologischen Aufwand zeigen. Vieles erinnert an den Schiffsbau. Wer Zweifel an den Möglichkeiten dieser Zukunftsbranche hat, wird sie verlieren, wenn er sich vor Ort umsieht.

Natürlich: Die Energieversorgungsstruktur der Zukunft soll – wo immer es geht - dezentral, flexibel und vernetzbar sein. Sie muss die Unlogik durchbrechen, schon aufgrund der Systemzwänge ökonomisch zu einer hohen Auslastung der Kapazitäten gezwungen zu sein. Doch – zumindest für eine Zeit – muss die Grundlast gesichert werden, bis auch hier neue technologische Innovationen genutzt werden. Das stellen vor allem die Kritiker heraus, die früher die erneuerbaren Energien als „Kinderkram“ abgetan haben und heute ein „Ja“ mit fünf „aber“ sagen. Natürlich haben diese angeblichen Experten nichts aus der Finanzkrise gelernt – Anpassen statt gestalten. Sie klammern sich an überholte Strukturen. Die Finanzkrise war für sie bestenfalls ein Ausrutscher, nicht aber systembedingt, so dass die Politik sich den Primat zurückerkämpfen muss. In den nächsten Wochen wird erneut bestätigt, wo diese Kurzsichtigkeit endet, denn der neue OECD-Energy-Outlook wird aufzeigen, dass die Öl- und Gasreserven noch schneller zurückgehen als bisher angenommen.

Eine nachhaltige Energieversorgung ist möglich, denn sie ist keine technische Frage, sondern eine politische, die gegen den Widerstand starker Machtinteressen und verkrusteter Strukturen durchgesetzt werden muss. Die rund 20 Prozent Grundlast kann gesichert werden durch Windenergieparks, Solarthermie und Meeresenergie, wenn dazu die Netzinfrastruktur vorhanden ist. Die großen Kondensationskraftwerke sind überholt, Ausdruck einer gestrigen Tonnenideologie.

Szenenwechsel: Im Freiburger Konzertsaal trug IPCC-Generalsekretär Pachauri die Szenarien des Weltklimarates vor. Eine sozialökologische Weltinnenpolitik ist notwendig, um eine Katastrophe zu verhindern. Doch die Zeit läuft weg. Auf eine schmerzhafte Weise belegt das eindrucksvoll die neue Studie von Professor Ramanathan, einer der führenden Klimawissenschaftler der Welt, der an der Universität von San Diego arbeitet. Danach sei das von den G 8-Staaten in Beschlüssen angestrebte 2 Grad Celsius Ziel, dass mit großen Anstrengungen noch erreichbar ist, wenn heute weit mehr für den Klimaschutz getan wird, nur dann realistisch, wenn China nicht mehr viel gegen die Luftverschmutzung im Land tut. So pervers es ist, viele der dortigen Schadstoffe haben einen dämpfenden Einfluss. Ohne ihn, so Ramanathan, könnten wir den Klimawandel erst bei 2,4 Grad Celsius bremsen. Heißt die Alternative: Umwelttod oder Klimatod?

Vor 20 Jahren, am Beginn der UN-Debatte über den anthropogenen Klimawandel, traute sich die Wissenschaft noch zu, eine Erwärmungsobergrenze von 1,5 Grad Celsius zu beschreiben. Das ist lange vorbei. Wertvolle Zeit wurde verschleudert. Das Klima kann die Welt offenkundig (noch) nicht so in Geiselhaft nehmen wie die flotten Gelddealer, für die nun wahnwitzige Gelder locker gemacht werden. Folgenlos und widersprüchlich, langsam und mutlos, das kennzeichnet den Klimaschutz noch immer. Ausreden werden gesucht. So wird der Finanzcrash nicht etwa als Begründung gesehen, den Umbau zu beschleunigen, immer mehr Stimmen verlangen seine Zurückstellung. Deshalb war die Konferenz, die ein starkes Interesse gefunden hat, so wichtig. Aus unterschiedlichsten Aspekten wurde verdeutlicht, dass der innere und äußere Friede auf dem Spiel steht. Sicherheit im 21. Jahrhundert ist ohne Klimaschutz nicht zu erreichen.

Allerdings nur ein Klimaschutz, der seinen Namen verdient. Überzeugend ist es nicht, wenn in Frankreich Präsident Sarkozy vom Klimaschutz redet, aber als Handelsreisender für die Atomkraft auftritt, die die Welt nur unsicherer macht. Wenn die frühere britische Außenministerin Margret Bekett große Klimakonferenzen organisiert, aber London in Brüssel das so wichtige Erneuerbare Energiengesetz amputieren und national ebenfalls zurück zur Atomkraft will. Und wenn Deutschland zu Recht eine Kohlendioxid-Reduktion um 40 Prozent bis 2020 anstrebt, aber bei der Umrüstung der Autoindustrie auf die Bremse tritt.

Mal sehen, was jetzt in den USA passiert. Mitte der achtziger Jahre hat Al Gore den Zustand die Gaia mit einem HIV-Erkrankten verglichen, bei dem die Erderwärmung das Fieber ist, das zum Tode führt. Drastischer kann man es kaum ausdrücken, aber dennoch hat die Regierung Clinton/Gore den Kyoto-Vertrag verwässert und am Ende nicht unterschrieben.

Michel Müller (60), SPD-Umweltpolitiker.
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