Umwelttage in Kaliningrad
Deutsch-russische Umwelttage in Kaliningrad, die sechsten. Halb so weit von Berlin wie von Moskau entfernt, liegt die Stadt von Immanuel Kant, der sie nie verlassen hat, aber dennoch die Welt erklären konnte. 425.000 Einwohner wohnen in der Stadt, die lange Zeit fast ein Niemandsland war wegen der hohen sowjetischen Militärpräsenz. Und nun überlegen Bürgergruppen, ob die Stadt umgetauft werden soll. Keinen Namen mehr nach dem Kommunisten Kalinin, sondern zurück zu Königsberg oder vielleicht ganz neu nach Kantstadt.
Kants wenige Aussagen zur Natur sind zwar widersprüchlich, auch falsch, da sie in der Tradition der europäischen Moderne stehen, die die Natur vor allem deterministisch verstanden hat. Aber seine Grundidee vom ewigen Frieden ist aktueller denn je. In der Auseinandersetzung mit dem Hobbes’schen Leviathan, Robert Coppers Kampf im Dschungel, den vor allem amerikanische Hardliner heute als richtige Weltpolitik ansehen, sind die Kant’ schen Präliminarien des ewigen Friedens gleichsam die kulturellen Tugenden des alten Europas: Kooperation, Entspannung und Empathie.
Von Kant abgeleitet, wird ein sechster Grundsatz notwendig – Friede mit der Natur. Seine Kategorien lassen sich auch auf das Wechselverhältnis Mensch – Natur übertragen. Es reizt, das in der Stadt von Kant, des Philosophen der ethischen Imperative, vorzutragen.
Die Region Kaliningrad verfügt über eins der wertvollsten Naturgebiete Europas. Hier entstand vor 100 Jahren der erste deutsche Naturschutzpark, ein Moorgebiet. Michael Succow, der große Nestor des ostdeutschen Naturschutzes, plant eine Jubiläumsveranstaltung, in der die Bedeutung der Biodiversität, aber auch die Bedeutung dieser Landschaft herausgestellt werden soll. In dieser Region, die lange Zeit weitgehend abgeschirmt wurde, existiert viel Wildnis. Das Weltnaturerbe muss und hoffentlich auch soll gesichert werden, obwohl die Region zur Sonderwirtschaftszone erklärt und dabei vor allem auf Tourismus gesetzt wird.
Bitte kein Areal wie auf Mallorca am Frischen oder Kurischen Haff, dieser wunderbaren Landschaft an der östlichen Ostsee. Deshalb war ein Schwerpunkt der Umwelttage der „sanfte Tourismus“, zumal auch das Moskauer Ministerium für Naturressourcen und Umwelt will, dass deutsche Erfahrungen zur Verfügung gestellt werden. Für Frühjahr 2009 ist auch ein Workshop geplant. Dazu gehört ebenfalls die Schaffung des Netzwerkes Nachhaltiger Tourismus im Ostseeraum: effiziente Energiebereitstellung, Ausbau der öffentlichen Verkehrssysteme, Einschränkung des motorisierten Individualverkehrs, Schutz der historischen Stätten, Erhalt der Biodiversität.
Der Nachholbedarf ist groß. In diesem Oblast gibt es noch kein Umweltministerium. Und wo die Zuständigkeiten nicht geklärt sind, wird Verantwortung hin und her geschoben. Doch die Abwasserprobleme sind hoch, die Abfallentsorgung mangelhaft. Man will sich jetzt an der Idee der Kreislaufwirtschaft orientieren.
Wir versuchen zu helfen, denn diese Region ist eine biologische Schatzkammer und als Anrainerstaat der Ostsee kann uns nicht egal sein, was dort passiert. Mehr noch: Russland gehört zu Europa. Notwendig ist eine Umweltpartnerschaft, zumal das größte und ressourcenreichste Land der Erde einen der größten Schlüssel in der Hand hat, den Paradigmenwechsel zu einer nachhaltigen Naturnutzung möglich zu machen.
Dann nehmen hoffentlich auch die kritischen Meinungen gegen das Atomkraftwerk in der Nähe des alten Tilsit zu, das jetzt gebaut werden soll. Überhaupt eine schwierige Situation, denn die drei benachbarten baltischen Staaten – Estland, Littauen und Lettland – haben sich zur Stilllegung ihres maroden Atomkraftwerke Ende 2009 verpflichtet, obwohl die Stromabhängigkeit teilweise bei 80 Prozent liegt. Aber alle drei Staaten haben bisher wenig getan, um Alternativen zu haben.
Die Zusammenarbeit geht weiter. Im Februar fand ein Seminar statt zur vorschulischen Umweltbildung. Lehrer und Lehrerinnen, Kindergärtner und Kindergärtnerinnen haben Einrichtung in der Region Kaliningrad besucht und Erfahrungen ausgetauscht. Auch das soll fortgesetzt werden.
Michel Müller (60), SPD-Umweltpolitiker.Guter Journalismus kostet
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