Die Energiewende braucht Glaubwürdigkeit
Chile, Argentinien, Costa Rica, Peru. Vier Länder in sechs Tagen – intensiver Meinungsaustausch über Artenschutz, Energie und Klima. Wichtigstes Fazit: Das Klimaproblem ist überall in den Regierungen angekommen. Und für diese Länder ist Deutschland interessant als Partner wegen der führenden Rolle bei Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Von der Atomkraft ist nirgendwo die Rede. Sie ist gestern und soll es bleiben.
Santiago de Chile: Meine eigene Geschichte kommt hoch, denn ich war am 8. September 1973 in der Moneda, dem Sitz des Staatspräsidenten Salvador Allende. Zurück damals in Bonn überbrachte ich drei Tage später, am 11. September 1973, Willy Brandt die Grüße von Allende. Plötzlich ging die Tür auf. Erhard Eppler stürtzte herein, um uns mit der Nachricht vom Tod der Demokratie und vom Tod Allendes zu deprimieren.
Diesmal Rede auf der Messe "Expo Aleman". Mein Thema: Epochenbruch des Finanzkapitalismus, die Zukunft muss dem ökologischen Umbau gehören. Erstmals in der modernen Gesellschaft kommen vier große Krisen zusammen. Der Finanzcrash, der das Ende des "american way of capitalism" markiert, aber noch längst nicht ausgestanden ist. Das dicke Ende kommt wohl erst nach dem US-Wahlkampf. Zweite Krise: Der Klimawandel, von dem in Lateinamerika allein durch die Folgen des Gletscherschmelzens bis zu 100 Millionen Menschen existenziell betroffen sind. Die Verteuerung von Energie und Rohstoffen, die vor allem die unteren sozialen Schichten trifft ist Kriese Nummer drei. Dadurch ist der eine US-Dollar, der nach UN-Angaben die unterste Grenze zum Leben ist, nur noch 70 Cents wert. Und viertens schließlich die Ausbreitung von Hunger, denn der FAO-Lebensmittelindex ist in den letzten Monaten um mehr als 60 Prozent angestiegen. Lösungen kann es nur geben, wenn die vier Krisen in einem Zusammenhang gesehen werden. Kurz: Wir brauchen einen erneuten New Deal hin zur globalen ökologischen Revolution.
Es folgen Gespräche mit dem Umwelt- und Energieminister über die Zusammenarbeit bei erneuerbaren Energien und die Möglichkeiten der „flexiblen Mechanismen“ beim Klimaschutz. Chile hat alle Chance, verfügt über gewaltige Potenziale bei Geothermie, Wind, Biomasse und Solarenergie. Doch das Land ist zu rund 70 Prozent von Energieimporten abhängig, obwohl es in wenigen Jahrzehnten völlig auf erneuerbare Energien umstellen könnte.
Es fehlt nicht an Kapital, wohl aber an Technologie und (Netz-) Infrastruktur. Gemeinsame Projekte bieten sich an. Weiter nach Valparaiso, Besichtigung eines großen Projektes, das erneuerbare Energien und Artenschutz verbindet, der Universität, die einen Lehrstuhl für Ökologie gründet, und ein Treffen mit der deutsch-chilenischen Handelskammer, die – wie die anderen drei Länder auch - vor allem auf Energie- und Umwelttechnologien setzt.
Buenos Aires, das Paris Lateinamerikas: Wie alle Länder des Kontinents verfügt auch Argentinien, das achtgrößte Land der Erde, über gewaltige Möglichkeiten bei Energieeffizienz, die nicht genutzt werden. Die Leitung des zuständigen Energieministeriums erscheint mutlos, ist skeptisch bei erneuerbaren Energien. Der Vizeminister war kurz davor das Gespräch über erneuerbare Energien zu beenden, bis ihn die deutschen Erfolge beim Ausbau von erneuerbaren Strom doch nachdenklich machten. Auf einmal war großes Interesse da. Dem sowjetischen Ökonom Nikolai Kondratieff sei Dank, dass es die Theorie der langen Wellen gibt: Die Wirtschaft entwickelt sich zyklisch. Der Vizeminister für Energie schnallte, dass die Erneuerbaren eine nächste Welle sein können, eine Energiewende die neue Basistechnologie für eine erfolgreiche Volkswirtschaft schafft. Danach Treffen mit Vertretern der argentinischen und heimischen Wirtschaft, ebenso mit Umweltgruppen.
San Jose, Costa Rica. Treffen mit dem Umwelt-, Energie- und Außenminister Costa Ricas über Klimawandel und Energiesicherheit. Der Außenminister ist erstaunlich gut informiert in ökologischen Fragen. Besonders über Biodiversität, das Land streitet sich mit Peru, wer das artenreichste der Erde ist. Das neu gegründete Umweltministerium soll mit deutscher Hilfe aufgebaut werden.
Liberia, rund 350 Kilometer über die Panamericana, Besichtigung des Windenergieparks, den Juwi mit Enercon-Anlagen in rund 800 Meter Höhe baut – unter schwierigen Bedingungen. Sehr eindrucksvoll, was Mathias Willenbacher und seine Mannschaft leistet. Unvorstellbar, dass die RWEs, Eons und Cos, deren Manager sich als "Energiemasters of Univers" verstehen, so was hinbekommen. Fünf Prozent der Stromversorgung Costa Ricas werden allein durch dieses Wind-Pojekt gedeckt. Anschließend Besuch eines Geothermie-Kraftwerks, weite Teile des Landes könnten mit dieser Energie versorgt werden.
Lima, Abschluss in Peru: In den Kordilleren sind allein in den letzten 18 Jahren 22 Prozent der Gletschermasse weg geschmolzen, die Folgen für die Wasserversorgung sind kaum auszumalen. Sehr konkrete Möglichkeiten der Zusammenarbeit für die Energiewende sind da und werden erkannt. Die Erwartungen an Deutschland sind groß. 30 Experten sollen nach Deutschland kommen, um sich intensiv über die Technologien der Erneuerbaren Energien zu informieren. Der Energie- und der Umweltminister wollen zur Energieautarkie des Landes kommen, möglichst schon bis zur Mitte des Jahrhunderts. Und – wie in allen anderen Ländern auch – gibt es auch in Lima eine sehr zurückhaltende Position zu Biokraftstoffen – ja, aber nicht zu Lasten von Landwirtschaft und Naturschutz. Peru will über 90 Prozent des Urwalds unter Naturschutz stellen.
Fazit der Woche:
Deutschland hat unglaubliche Chancen für eine Exportoffensive für eine globale Energiewende. Aber nur, wenn das auch im eigenen Land mit Nachdruck verstärkt wird. Also: Wer diese Möglichkeiten nutzen will, muss aufhören mit neuen Großkraftwerken – gleich ob Atom oder Kohle – zu planen.
Die Energiewende braucht Glaubwürdigkeit.
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