Klimawandel bedeutet Lebenswandel
Miechs Kabinenpredigt

Ein neues Jahr hat begonnen und wie immer ist fast alles beim Alten geblieben. Viele Vorhaben haben sich nur als Vorhaben erwiesen. Manches Neue ist dennoch angestoßen. Nicht nur in unserer groß gewordenen Landeskirche gibt es in diesem Jahr eine Umweltkampagne. Unsere steht unter dem Titel "Klimawandel – Lebenswandel" und es obliegt den einzelnen Verantwortlichen, das an das Gemeindeglied, an die Menschen vor Ort zu bringen. Das Ziel der Kampagne ist eine messbare Reduktion von Kohlendioxid – es sollen bis zum 2. Oktober2011 eine Million Kilogramm Kohlendioxid in der Landeskirche eingespart werden.
Dazu gibt es ein Mitmach-Gutschein-Heft, das Frau oder Mann dann entsprechend seiner Teilnahme ausfüllen kann: ob er fleischlos am Freitag isst oder Leitungswasser statt Kastenwasser benutzt, biologisch einkauft oder den Strom zu einem Ökostromanbieter wechselt – es gibt noch viel mehr Angebote: Umgang mit dem Stand-by-Modus bei Geräten, dem PC, dem Fernseher, der Wäsche, dem Torf in der Blumenerde, dem Aluminium in der Getränkedose, dem Papier, dem Trockner, dem Rasen draußen und dem Warmwasserboiler drinnen...
Jeder findet leicht etwas, wo er oder sie mittun kann. Sämtliche Umstellungen, zum Beispiel von konventioneller Ernährung zum Bioeinkauf wird in Kohlendioxid-Werte umgerechnet und man kann sein persönlich eingespartes CO2 ausrechnen und eine Postkarte zur Landeskirche schicken. Die wiederum sieht dann, welche Aktion den meisten Zuspruch gefunden hat und berechnet, wie viel Kohlendioxid nun im Laufe der Kampagne eingespart worden ist. Die eingesandten Postkarten nehmen an Verlosungen mit umweltfreundlichen Preisen teil.
Für alte "Klimahasen" ist das alles nichts Neues. Für viele andere Menschen hingegen doch. Bei der Vorstellung des Heftes sagt mit ein Mann: "Aber Fleisch esse ich trotzdem - auch Hackepeter!" Und ein anderer sagt: "Der spricht nur aus, was andere denken." Das wird wohl so sein. Die Angst, etwas zu verlieren - und wenn es die eingebildete Lebensqualität ist - ist groß.
Hauptsache, niemand nimmt mir was weg. Hauptsache, ich kann so weiterleben wie zuvor. Veränderung: Nein, danke.
Dabei will niemand jemandem etwas wegnehmen. Es geht schlicht um einen Perspektivwechsel. Darum zu spüren, dass ich vieles gar nicht brauche, um gut leben zu können. Dass ich vor allem gut leben kann, wenn ich mir nicht so viel Ballast auflade und wenn ich bewusst, ressourcensparend und gesund lebe. Im Grunde ist das alles bekannt, nur zu wenig probiert und gelebt. Die Kampagnenankündigung sagt es so: "Sie werden bestimmt etwas vom veränderten Alltag merken: Weniger Stress, mehr Lebensqualität."
Ich hoffe, dass das gelingt. Dass auch meine Gemeindeglieder mitmachen und wenigstens zwei oder drei Angebote umsetzen. Was für mich und für viele andere selbstverständlich ist, ist es für ebensoviel Menschen nicht. Trotzdem hoffe ich auf viele Teilnehmende – denn das Wasser, das schon wieder vor unseren Türen und in riesigen Flächen seit Wochen in den Kellern steht, das sollte nicht nur zum Schimpfen über mangelnde Gräbenpflege führen, sondern zur Frage: "Wie lebe ich? Was kann ich tun, damit ich nicht so viele Ressourcen verbrauche und Kohlendioxid einspare?" Dann wird es vielleicht die erhoffte eingesparte Million werden!
Und vielleicht eine noch lebenswerte Erde für die Nachfahren bleiben, die nicht nur über die beste Versicherung gegen manchen Unbill reden müssen, sondern fröhlich in einer sicher erholenden, gerechten Welt leben können.
Kerstin Höpner-Miech (42) ist evangelische Pfarrerin in Mühlberg an der Elbe in Brandenburg
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