Wenn Schweine fliegen könnten
Miechs Kabinenpredigt

In diesen Tagen fühle ich mich von einem Spruch von Greenpeace inspiriert, den ich immer schon toll fand:
earth is flat
pigs can fly &
nuclear power is safe
"Die Erde ist eine Scheibe, Schweine können fliegen und die Atomenergie ist sicher".
Als die DDR noch stand, habe ich auf dieser Seite der Mauer das T-Shirt mit dem Spruch nie kaufen können. Heute trüge ich es gern – aber es ist einfach nicht mehr zu haben. Und das ist vielleicht auch gut so. Schließlich müsste die Zeile heute so gehen: "Die Erde ist eine Scheibe, Schweine können fliegen und Atomenergie ist eine notwendige Brückentechnologie".
Die Karikaturisten haben gerade Hochzeit. In unserer Zeitung beispielsweise stellte heute ein Karikaturist eine Statue der Kanzlerin auf dem Schreibtisch eines Atomkonzernchefs. Bildunterschrift: "Ach die! Die hab ich neulich irgendwo gekauft".
"Was soll man denn machen?", hört man die Jüngeren fragen. Und die Alten sagen "Die werden schon wissen, was zu tun, schließlich sind sie die Regierenden". Und Regierende müssen doch wissen, was sie tun.
Früher, als ich auf dieser Seite der Mauer das T-Shirt mit dem Spruch nicht zu kaufen bekam, war es gefährlich Petitionen oder Unterschriftenlisten zu unterschreiben oder zur Demonstration zu fahren. Natürlich geniese ich, dass der freie Bürger heute seine freie Meinung haben, sagen und auch zeigen darf bei einer Demonstration. Aber hören die Regierenden eigentlich noch auf das Volk?
Natürlich gehören die Mitarbeitenden der großen Energiekonzerne genau so zum Volk, wie ihre Aktionäre. Aber wir sind die Mehrheit, und ich dachte immer, dass die in der Demokratie einscheidet? Alternative Konzepte schaffen neue Arbeitsplätze, das ist längst bekannt. Ich wünsche es mir sehr, dass wir in Deutschland etwas schaffen, was anderswo noch nicht denkbar ist: die komplette Umstellung auf erneuerbare Energien – mit dem konsequenten (schon mal fixierten) Ausstieg aus der Atomenergie. Und die, die bisher damit ihr Geld verdient haben, die werden umgeschult und können helfen, dass Deutschland das Land der Zukunft wird, in das man gerne kommt – oder sogar umziehen möchte.
Im Moment dächte ich nämlich eher an Abreise. Aber vielleicht ändert sich das ja in ein paar Tagen, wenn zehntausendfach das Volk in Berlin auf der Straße skandiert: "Die Erde ist eine Scheibe, Schweine können fliegen und Atomenergie ist eine notwendige Brückentechnologie!" Sind Sie dabei?
Kerstin Höpner-Miech (42) ist evangelische Pfarrerin in Mühlberg an der Elbe in Brandenburg
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