Katastrophen-TV zu Hause
Miechs Kabinenpredigt

Hochwasser in China, Überschwemmungen in Frankreich, Dürren in Afrika - wer heute heranwächst, wird mit Katastrophen-TV groß.
Unwetter in Brasilien, Erdbeben in Chile, die Flut an der Oder - neulich waren wir im Katastrophen-TV. Durch unsere Gegend fegte ein Tornado. Bei uns im Ort sind zum Glück keine größeren Personenschäden aufgetreten. Es gab allerdings erheblichen Sachschäden. Den kleinen Turm der Klosterkirche hat der Sturm abgerissen. Die Naturgewalt hat fast alle alten Bäume der Stadt stark beschädigte oder zerstörte und jede Menge Dächer abdeckte. Dem gewaltigen Schrecken folgte die Frage: "Was kommt da bloß noch auf uns zu?"
Vier Wochen später sagen mir Kinder aus meiner Gemeinde, dass sie jetzt die Meldungen über Naturkatastrophen von anderen Kontinenten anders wahrnehmen. Sie wissen jetzt, was das emotional bedeutet. Da verloren Scharen von kleinen und großen Vögeln ihre Nester und Jungen, der Turmfalke aus der der Klosterkirche hatte sein Nest im herabgestürzten Dachreiter. Das Nest des Schwarzmilans ist mit der Weide verschwunden. Das hat die Kinder sehr geschockt.
Die Erwachsenen streiten sich mittlerweile um den Stachelbeerbusch, der von Nachbars Baum getroffen wurde. Sie streiten mit den Versicherungen und suchen für alles einen Schuldigen. Sie finden immer einen: der eine ist "Gott, der in der Stadt gewütet hat, weil ihr nicht fromm genug gewesen seid". Der andere ist das Landesumweltamt, das ja immer die alten Bäume erhalten will. Die sind schuld, weil die Bäume nun umgefallen sind im Sturmwind.
2002 die Elbeflut (unser Ort liegt direkt am Fluss), 2006 dann wieder eine Elbeflut, 2007 den Wintersturm Kyrill - der Reporter von Katastrophen-TV erklärte, die Menschen wären hier "katastrophentrainiert". In der Not rückt man aber nur dicht zusammen, um sich bald dem Alltagsgeschäft wieder zu zuwenden. Ist ja auch gut, dass man sich wenigstens in der Not zusammen findet – und seis im Streite.
Aber eins vermisse ich doch: das Innehalten und Fragen, was ist wohl der Anteil meiner Spezies an den immer häufiger werdenden Extremereignissen? Und die Frage, was kann ich tun, damit die Kinder doch noch eine lebenswerte Welt vorfinden und Katastrophen-TV nicht zur Gewohnheit wird?
Kerstin Höpner-Miech (42) ist evangelische Pfarrerin in Mühlberg an der Elbe in Brandenburg
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