Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom
Miechs Kabinenpredigt
Die Menschen sind klug, eine ganze Menge von ihnen jedenfalls. Sie haben zu überleben gelernt in den zehntausenden Jahren ihres Daseins. Sie können ihren Vorteil sehen und nutzen
So sind in den vergangenen Jahrhunderten bemerkenswerte Gesellschaften gewachsen, die so konstruiert wurden, dass sie die menschlichen Bedürfnisse bestmöglich befriedigen. Dazu gehören so großartige Erfindungen wie der Sprengstoff, der Kompass, die Entdeckung von Öl und das Nutzen von fossilen und erneuerbaren Energien.
Die Menschen von heute informieren sich und wissen, dass es eine vom Menschen verursachte Veränderung des Klimas gibt und wissen auch, dass alle dringend etwas ändern müssten, weil wir in den industrialisierten Ländern über unsere Verhältnisse leben. Weil wir die Ressourcen der Erde gnadenlos geplündert haben und nicht bedacht haben, dass sie endlich sind, dass sie unwiederbringlich verschwinden werden, wie so viele Tier- und Pflanzenarten.
Menschen haben gelernt, die Erde zu benutzen. Und jetzt sollen wir aufhören damit. Es gibt so viele Tipps, was zu tun wäre. Aber wer soll beginnen?
Man findet immer Gründe, selber nicht handeln zu müssen. Und ich frage mich so oft, warum das so ist.
Als einziges Wesen haben wir Menschen die Fähigkeit, über unseren jetzigen Lebenshorizont hinaus denken zu können und zwar in die Vergangenheit und in die Zukunft hinein. Aber dieses Vermögen allein führt ja noch nicht dazu, dass wir Menschen sorgsamer und den Umständen entsprechend leben.
Vielleicht ist die Bedrohung nicht spürbar genug. Trotz Wetterkapriolen gibt es bei uns zufriedenstellende Ernten, die Läden sind zum bersten voll. Die Wirtschaft wächst sogar wieder, allen Prognosen zum Trotz um 0,3 Prozent. Wer hätte das gedacht? Vor den Wahlen müssen gute Nachrichten raus!
Warum sollte ein Mensch da seinen Lebensstil verändern?
Wird schon nicht so schlimm werden! Es ging ja immer irgendwie weiter.
Vielleicht aber ist das Leben generell zu unsicher geworden? Was gilt denn schon heute noch? Die Zeitung von gestern ist alt. Der Arbeitsplatz unsicher und die Kosten steigen überall. Transparenz gibt es kaum.
Wir machen mal schön weiter wie immer. Das ist leichter, als ständig neu zu beginnen.
Nur nicht gut. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, versuche ich den Konfirmanden bei zu bringen. Aber wenn der persönliche Vorteil winkt, dann kann man schon gut treiben mit dem Strom....
Wieso leiden darunter nur so wenige? Wieso gibt es keine Solidarität mit denen, die heute schon Dürren erleben und nichts zu essen haben? Mit denen, deren Land unter Wasser steht? Und was ist mit denen, die nach uns kommen?
Der Mensch sucht seinen Vorteil zu seiner Zeit, koste es, was es wolle. Der, der gerade lebt, will überleben und denkt eben doch nicht nach vorn oder zurück.
Sollte er aber.
Kerstin Höpner-Miech, (42) ist evangelische Pfarrerin in Mühlberg an der Elbe in Brandenburg.
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