Eine Woche Klimaretter
Miechs Kabinenpredigt
Ein Klimaretter kommt nicht zur Ruhe. Vor 10 Jahren kannte kaum jemand den Begriff - vielleicht gab es ihn noch gar nicht.
Heute plagt einen am Freitag das schlechte Gewissen über die Autofahrt, die gar nicht nötig gewesen wäre. Was da an Kohlendioxid emittiert wird! War es das wert? Ruiniert das nicht als kleines I-Tüpfelchen die Zukunft der nachfolgenden Generationen? Und am Montag plagt das selbe Gewissen wieder.
Am Dienstag regt man sich über die ewigen Ignoranten auf, die von ihren Urlaubsflügen in die Türkei berichten. Dieses Jahr fliegen sie in die Dominikanische Republik, nach dem die Nachbarin auf Mallorca war. Bei doppelt so teuren Flugpreisen müsste man sich darüber nicht aufregen - denkt man im stillen - und weiß: die Ostsee hat auch ihren Charme. Aber den hatte man ja schon so oft.
Mittwoch waren es das argentinische Rindfleisch und die spanischen Erdbeeren und die chinesischen Früchte - wie hießen sie gleich? - die der Partner mit nach Hause brachte. „Die waren im Angebot!" - und ich hätte sie trotzdem nicht gekauft und esse mit schlechtem Gewissen und wenig Appetit.
Am Donnerstag, als das Schelfeis brach und die Berichte über die Unwetterkatastrophen und Überflutungen mit vielen Toten über den Bildschirm flimmerten, kamen die tiefe Reue über die eigenen Klimasünden und das Fahrrad aus dem Schuppen. Und der Vorsatz, es künftig öfter zu nutzen.
Am Freitag der Internetprotest gegen die geplante CO2 Speicherung und die Abholzung des Regenwaldes in Indonesien. Diverse Homepages hatten neue Informationen und heute war Zeit, sich auf den neuesten Stand zu lesen. Wie schlimm das alles ist. Es muss sich etwas ändern!
Samstag stand unweigerlich der Besuch bei der Familie auf dem Plan und die Auseinandersetzung darüber, wie gut nun eigentlich biologisch angebautes Obst ist oder was denn nun der Vorteil von Bioeiern und Biomilch ist, wo das alles sowieso nur Geldschneiderei ist - und davon müsste ich ja eine Menge haben, bei dem was ich da einkaufe.
Sonntag schließlich endlich Ruhe. Wo war noch der begonnene Roman - auf FSC Papier gedruckt, wunderbar rezensiert und gut zu lesen? Ja, und der Liegestuhl muss noch aus der Kammer. Endlich Ruhe und das Mittagessen ist vorgekocht vom Samstag. Herrlich! Doch da ruft die Tochter: „Komm mal schnell, in unserem Garten liegt eine tote Kröte". Nun denn: Beerdigung.
Die armen Kröten haben es auch immer schwerer. Lebensräume schwinden, es wird immer wärmer und trockener. Also auch am Sonntag: Erklärungen darüber, was sich alles ändern muss, damit ein Klimaretter endlich Ruhe finden kann. Wir wissen es ja: Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Erde verändern.
Und irgendwann haben wir's geschafft!
Hoffentlich.
Kerstin Höpner-Miech, (42) ist evangelische Pfarrerin in Mühlberg an der Elbe in Brandenburg.
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Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
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