Das Hemd ist näher als die Jacke
Es ist schon schwierig mit den Menschen. Die einen wissen viel und tun wenig, die anderen wissen wenig und tun etwas. Und wiederum andere könnten etwas wissen und wollen es nicht hören. Es ist so viel leichter, so weiterzumachen, wie es immer schon war.
Menschen brauchen emotionale Momente, damit sie anfangen, sich zu bewegen: eine Spendenshow mit Prominenten, ein schlimmes Kinderschicksal. Aber gerade in Bezug auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit finden die Medien kaum emotionale Berührungspunkte. Die Hufeisennase in Dresden war zu hässlich. Es schwimmen keine toten Eisbären die Elbe oder den Rhein entlang, es gab im Osten keine schwere Überschwemmung seit fast 7 Jahren – und ob nun 20 oder 2.000 Singvögel im Garten sitzen oder 10 Ackerkräuter weniger wachsen als früher: wer merkt das schon, außer ein paar Wissenschaftlern, die sowieso nur Panik verbreiten. Wie soll man da an die Leute herankommen?
Das Brandenburger Volksbegehren dauert nur noch ein paar Tage. Die Zwischenbilanzen sahen mager aus. "Strom brauchen wir nun mal alle", heißt es da und viele scheinen nicht verstehen zu können, dass mit der Unterschrift nicht das Licht ausgeht. Da lasse ich lieber die Zukunft ruinieren, als mich zu bewegen? Dass in den USA viele Leute den von Obama beschworenen "Wechsel" mit tragen, neue Kräfte und Hoffnungen erblühen lassen, davon träumen wir in Deutschland. Ich erlebe oft Menschen, die sich klein denken und sagen: ich kann sowieso nichts machen. Ich erlebe Menschen, die immer die anderen vorschieben und sich im Selbstmitleid baden: die Politiker sind schuld, die Reichen und die Wirtschaft.
Und ich erlebe Menschen, die sich vor allem mit sich selbst beschäftigen und sich nicht anfragen lassen wollen. Ich, meine Familie, mein Auskommen... Das macht mir Angst. Was immer man versucht, mehr als ein Hören erreicht man nicht. Volksbegehren? "Sollen mal die anderen". Engagement? "Mir schenkt auch keiner was". Früher hieß das: Hemd ist näher als die Jacke.
Wie schaffen wir es, Menschen für etwas zu interessieren, das außerhalb ihres Lebenskreises, außerhalb ihres unmittelbaren Einflussbereiches liegt? Wie schaffen wir Solidarität? Ein Klimaforscher hat ein mal gesagt: Das Hinterfragen des eigenen Lebensstils und seiner Folgen fiele wohl leichter, wenn die Erde von Aliens bedroht würde. Aber da sind bisher keine "bösen Aliens", die im Weltraum parken. Soll man sagen: Leider?
Kerstin Höpner-Miech, (42) ist evangelische Pfarrerin in Mühlberg an der Elbe in Brandenburg.
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