Zwischen Jesulein und Silvesterknaller

Weiterziehen! (Fotos: Hermann Josef Hack)
Die Passanten draußen, sofern sie nicht gänzlich vom Weihnachtsstress in Besitz genommen waren, reagierten mit Staunen, als sie die Aufschriften auf den Mini-Zelten lasen. "Welcome illegal aliens" inmitten von angesagten Modeartikeln, die noch den Weg unter den besagten Baum zu finden suchten. Dass dies nicht so recht in die heile Deko-Welt passte, fiel den Meisten schon auf. Dabei liegt die Verbindung zwischen dem Krippenjesulein, das als Flüchtlingskind erster Kajüte sozusagen von seiner Säuglingszeit an das Flüchtlingselend am eigenen Leib abbekam und dessen Kindergeburtstag wir alljährlich zu einer gigantischen Verkaufsshow ad absurdum führen, und den heutigen Flüchtlingen in ihren dürftigen Zelten und Hütten wirklich nicht sehr fern.
Das heutige Jesulein mit seinen Millionen Geschwistern liegt nicht in einem Stall in Bethlehem, sondern in einem UN-Flüchtlingslager in Darfur, in einem Unterstand in Dadaab in Kenia, in den Farvelas, wo die Mütter aus Dreck und Sand Fladen backen, um die Mägen gegen den schlimmsten Hunger zu füllen.
Aber unsere Schaufensterdekorateure, sorry Warendisplaygestalter/innen, sind inzwischen längst flink bei der Umgestaltung der Fenster zur Silvesterdeko. Schließlich wollen ja die Millionen von Böller und Kracher, Knaller und Raketen beworben werden, mit denen wir bei Sekt und Wein nochmal so richtig alles geben. Wie im richtigen Leben: kaum sind die Flüchtlingszelte aufgestellt, da müssen sie schon wieder weiter, weil ihnen die Raketen und Granaten um die Ohren fliegen.
Bin ich jetzt ein Spaßverderber, wenn ich erwähne, dass man von dem Geld für das Silvestergeballere so viel Lebenswichtiges für die vielen Vergessenen tun könnte? Ich weiß, euch Klimarettern muss ich das nicht sagen. Ich wünsche allen, die noch nicht aufgegeben haben, an einer gerechten Zukunft zu arbeiten, ein erfolgreiches und glückliches neues Jahr 2012!
Hermann Josef Hack ist Maler und Aktionskünstler

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