Wie moderat sind acht Jahre?
Weithöners Sonnenstrahl
Der aktuelle Streit um die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken findet nicht nur zwischen Gegnern und Befürwortern statt, sondern auch innerhalb der Bundesregierung. Doch während die große Mehrheit in der Bevölkerung immer noch für ein Festhalten am Atomausstieg plädiert, gehen die Debatten in Berlin nicht mehr darum, ob verlängert werden soll, sondern nur noch wie lange.
Am unteren Ende der Skala des Geschachers um Jahre steht Bundesumweltminister Norbert Röttgen: mit acht. CDU-Fraktionschef Volker Kauder lässt sich nicht lumpen und möchte 25 Jahre spendieren und CSU-Chef Horst Seehofer will ganz im Sinne der Atomlobby die Laufzeiten komplett frei geben.
Angesichts von drohenden 25 Jahren und mehr versucht Röttgen bereits seit Wochen, seine acht Jahre als "moderat" zu verkaufen. Und hat damit Erfolg: landauf, landab liest und hört man in den Medien, acht Jahre seien eine "moderate Laufzeitverlängerung".
Nun heißt moderat nichts anderes als gemäßigt, und es sollte doch möglich sein zu hinterfragen, wie gemäßigt der Vorschlag des Bundesumweltministers wirklich ist.
Ein Blick in den (noch) gültigen Atomausstiegsvertrag hilft da weiter: In diesem sind für jedes AKW Reststrommengen und nicht Jahre festgelegt. In Jahre umgerechnet würden die Laufzeiten der Atomkraftwerke bis 2022 reichen - theoretisch. Denn mit dem Übertragen von Strommengen von anderen AKW, Stillstandzeiten und befristeten Abschaltungen können die Betreiber einzelne Kraftwerke sogar bis 2030 laufen lassen - ohne den Vertrag zu beugen.
Und Röttgens acht Jahre? Sie würden bedeuten, dass doppelt so viel Atomstrom ins Netz eingespeist werden dürfte, wie nach Atomausstiegsgesetz noch zulässig wäre. Eine Verdopplung der atomaren Reststrommenge soll den Bundesbürgern also als "moderat" verkauft werden. Das Getrickse der Atomkonzerne eingerechnet, könnten uns so Atomkraftwerke noch bis 2050 erhalten bleiben.
Für die erneuerbaren Energien hat so eine Mogelpackung ganz konkrete Auswirkungen: Sonne, Wind, Bioenergie & Co. können ihr Ziel, 2020 die Hälfte des Stroms in Deutschland zu liefern, nur erreichen, wenn die Atomenergie und Kohleverstromung zu Auslaufmodellen werden. Doch je länger die Atomkonzerne ihre Kraftwerke am Netz behalten dürfen, desto schwieriger und auch teurer wird das Erreichen dieses Ziels. Und auch die vom Bundesumweltministerium formulierte Marke, bis 2050 eine nahezu komplette Vollversorgung mit Erneuerbaren zu erlangen, würde unerreichbar – Dank einer "moderaten" Laufzeitverlängerung.
Die Bundesregierung will im September ihr Energiekonzept vorlegen, in dem auch Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke festgeschrieben werden sollen. Umweltminister Röttgen hatte dafür erst kürzlich die Marschroute vorgegeben: Atomenergie sei keine Zukunftsoption. Recht hat er. Und Mogelpackungen haben auch keine Zukunft.
Henner Weithöner ist Herausgeber und Chefredakteur des Online-Magazins Renewable Energy Journal www.rejournal.de
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