Der zahnlose Energieausweis
Seit Juli dieses Jahres gibt es in Deutschland nun den Energieausweis, der ähnlich dem Spritverbrauch eines Autos den Energieverbrauch oder -bedarf eines Hauses offenlegt. Klingt nicht schlecht, schließlich wollen Mieter und Käufer wissen, wie hoch nicht nur Miete oder Kaufpreis, sondern auch die Heizkosten ihrer Hütten und Paläste sind.
Das Problem: Beim jetzigen Energieausweis handelt es sich um einen recht zahnlosen Tiger, der die bekannten Mängel und Versäumnisse bei Bau und der Sanierung nicht abstellen wird. Der Grund: Die Verordnung enthält weder Instrumente zur Überprüfung der Vorschriften noch muss sich irgendjemand an die im Energieausweis ausgesprochenen Sanierungsempfehlungen halten. Und wer für die gemessenen Zahlen und getroffenen Aussagen im Ausweis haftet, ist auch noch völlig ungeklärt. Die Experten, die diesen für durchschnittlich 200 Euro ausstellen, wohl kaum.
Dabei ist die Notwendigkeit energetischer Sanierungen größer denn je: Nach Berechnungen des Bundesindustrieverbandes Haus-, Energie- und Umwelttechnik (BDH) verbrauchen 24 Millionen der insgesamt 37 Millionen Wohneinheiten in Deutschland zu viel Energie. Über 20 Prozent der Heizkessel sind Oldtimer, deren Alter mehr als 24 Jahre beträgt. Weitere 70 Prozent des Kesselbestandes, so der BDH weiter, nutzen die eingesetzte Energie nur unzureichend aus, da ihre Wirkungsgrade weit unter denen heutiger Heizsysteme liegen. Damit sind gerade einmal zehn Prozent aller Heizkessel in Deutschland auf dem Stand der Technik: zum Beispiel Brennwertkessel, Wärmepumpen und Bioenergie- sowie solarthermische Anlagen.
Wenn Deutschland seine Klimaschutzziele einhalten will, muss aber gerade auch im Wärmebereich dringend etwas passieren. Dies können steuerliche Anreize sein, um in moderne Haus- und Energietechnik zu investieren, ein Quotenmodell, welches im Neubau einen bestimmten Anteil sauberer Energiegewinnung vorschreibt, oder auch ein verbindlicher Sanierungsfahrplan für den Gebäudebestand, wie ihn die Deutsche Umwelthilfe vorgeschlagen hat.
Würde die Umsetzung der Energieeinsparverordnung und des Energieausweises kontrolliert, könnten bei gezielter Förderung jährlich bis zu 300.000 Wohneinheiten saniert werden. So lauten die jüngsten Berechnungen der Deutschen Energie-Agentur. Dabei würden 200.000 neue Arbeitsplätze geschaffen und im Gegenzug 1,5 Millionen Tonnen CO2 eingespart. "Ein weiter so kann es nicht geben", sagte Kanzlerin Angelika Merkel auf dem letzten Energiegipfel. Recht hat sie. Nun müssen den Worten auch Taten folgen.
Henner Weithöner ist Herausgeber und Chefredakteur des Online-Magazins Renewable Energy Journal www.rejournal.de
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