Mein neuer Klimakiller
Ich habe lang mit mir gerungen. Aber irgendwann habe ich doch auf den Bestell-Button geklickt und sollte bald Besitzer eines neuen Autos sein, eines Klimakillers. Viel Spaß mit Deinem neuen Stinker, Du Autoverzichter!, ranzte mich eine Öko-Freundin an, die selbst zwar kein Auto hat, aber ganz gern mal in den Urlaub fliegt. Pah, für einen Überseeflug kann ich ein ganzes Jahr herumkurven, locker. Und habe immer noch weniger Klimakillergase rausgepustet.
Zumindest mit meinem neuen VW-Polo mit "BlueMotion Technology", der ein kleines Sparwunder sein soll. Normverbrauch 3,7 Liter nach EU-Richtlinie. Es ist zwar nicht der in der aktuellen VCD-Umweltliste als einziger deutscher Kleinwagen unter den Top Ten rangierende "VW Polo BlueMotion", sondern ein etwas weniger spartanisches Modell. Aber auch mit diversen "Spritspartechniken" ausgestattet: Start-Stopp-Automatik, Bremskraftrückgewinnung und Leichtlaufreifen. Nur den Drei-Zylinder, wie beim Klassenbesten, wollte ich mir dann doch nicht antun, weil der so laut sei, wie ich in einem Testbericht gelesen habe.
Aber mein Polo mit "BlueMotion Technology" belastet das Klima auch nur mit neun Gramm Kohlendioxid pro Kilometer mehr als das vom VCD gepriesene Modell. Und das mache ich locker wieder wett, mit offensiv-ökologischer Fahrweise. Also 100 auf der Autobahn, 80 auf der Landstraße, vorausschauendes Fahren, frühes Hochschalten, exzessive Nutzung der Motorbremse, weil dann die famose Schubabschaltung wirkt und der Verbrauch auf Null geht. Ich habe das zu einem richtigen Sport entwickelt: Geiz ist geil, einmal anders.
Warum sparsame Autos bei deutschen Herstellern "blue" sein müssen, ist mir etwas schleierhaft. Bei VW heißt es "BlueMotion", bei Daimler "BlueEfficiency". Vielleicht klingt "blau" weniger nach Verzicht als "grün", das ja irgendwie politisch-ideologisch aufgeladen ist. "Blue" klingt nach Meer, nach Sauberkeit, nach Unschuld, ohne dass irgendein Gutmensch mit dem ökologischen Zeigefinger herumfuchtelt. Wenn "öko", dann "eco", wie bei den "ecoFlex"-Modellen von Opel. Vielleicht wird das englische "eco" eher mit "ökonomisch" statt "ökologisch" assoziiert. Ja, so sind sie, die Autokonzerne. Schließlich wollen sie ihren Kunden die Freude am Fahren nicht vermiesen, sondern viele, viele Autos verkaufen.
Als "Direktkunde" muss ich mein nagelneues Gefährt in der "Autostadt" in Wolfsburg abholen. Dort darf dem Fetisch Pkw und dem fossil betriebenen Verbrennungsmotor noch ganz unbefangen gehuldigt werden. Aber ganz kann sich VW der grünen Welle nicht entziehen. Leider ist mir die Ausstellung "Level Green - Die Idee der Nachhaltigkeit" unter all den prächtigen "Markenpavillons" nicht aufgefallen. Ziel der Ausstellung sei es, ein „ganzheitliches, persönlich relevantes und positives (!) Bild von Nachhaltigkeit zu zeichnen, indem auch kritischen (!) Aspekten sowie zukünftigen Herausforderungen Raum gegeben werde. So wird eine Frau Dr. Maria Schneider, Kreativdirektorin der Autostadt und Initiatorin der Ausstellung, im Internet zitiert. Dies geschehe "unter dem Primat der lebensweltlichen Relevanz, d. h. dem Besucher wird die Komplexität des Leitbildes anhand von Alltagsbeispielen ästhetisch und intellektuell ansprechend vermittelt". Aha.
Die junge Dame, die mir die lebensweltliche Relevanz meines Spar-Polos nahebringen soll, will mich zuerst mit meinem neuen Untersatz fotografieren, was ich dankend ablehne. Dann erklärt sie mir, wie man die Start-Stopp-Funktion abschaltet. Was das Autochen verbraucht, weiß sie nicht, erläutert mir aber eingehend die Funktion der schwachsinnigen Sitzheizung. Die ist in dem von mir gebuchten Ausstattungspaket automatisch inbegriffen. Und ohne Sitzheizung hätte ich keinen Tempomat bekommen, auf den ich zwecks gleichmäßiger Fahrweise gesteigerten Wert lege. Aber ich habe mir geschworen, sie nie anzuknipsen, auch wenn mir der Hintern auf dem Sitzpolster festfriert.
Am Ende fragt mich die junge Dame sicherheitshalber noch einmal, ob ich nicht doch ein Foto mit meinem neuen Prunkstück haben wolle, kostenlos natürlich. Ich lehne abermals dankend ab und verlasse im Schleichtempo das VW-Kundencenter. Dabei bedrängt mich ein VW Touareg, dessen stolze Besitzer etwa einen halben Meter über meinem Polo-Niveau thronen. Normverbrauch: 8,5 Liter.
Ein erster Blick auf die digitale Verbrauchsanzeige bringt mich ins Schwitzen. 18 Liter, 16, 13,5… Sollte man kleines Auto doch ein schlimmer Spritsäufer sein, eine ökologische Mogelpackung? Auf der Autobahn pendelt sich der Verbrauch zum Glück langsam auf verträglichere Werte ein. Bei Braunschweig errechnet der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von 4,5 Litern je 100 Kilometer, in Kassel bin ich bei 3,5 angekommen. Uff, mein persönliches Sparziel ist erreicht.
Dieses erfreuliche Ergebnis erfordert allerdings einen äußerst disziplinierten Umgang mit dem Gaspedal. Jeder forsche Ampelstart wird mit sattem Mehrverbrauch bestraft. Auch 120 statt 100 km/h auf der Autobahn steigern den Durst meines Polos erheblich. Ich bezweifle, dass sich die Käufer eines Porsche Cayenne Hybrid zu einer solch asketischen Fahrweise hinreißen lassen. Der im Labor errechnete Normverbrauch des grün angemalten SUV-Monsters von 8,2 Litern dürfte bei "sportlicher" Fahrweise ins Reich der Fantasie gehören.
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