Der Herbst - ein Auslaufmodell
Der Herbst ist jene Jahreszeit, in der Dichter deutscher Zunge zur Hochform auflaufen. Vor allem Georg Trakl beschwor in seinen Herbstpoemen den eigentümlichen Zauber dieser Jahreszeit, in der die Natur noch einmal alles gibt, um dann in einen Schlaf zu versinken, aus dem sie erst im Frühling wieder erwacht und der ewige Kreislauf des Werdens und Vergehens von neuem beginnt. "Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle/Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen/Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle/Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen/Gekeltert ist der Wein, die milde Stille/Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen", raunt Trakl in seinem Klassiker "Der Herbst des Einsamen".
Würden Trakl auch heute noch solch vollendete Zeilen gelingen? Der Herbst in Mitteleuropa ist nämlich nicht mehr das, was er einmal war. Im Klimawandel droht er abhanden zu kommen in einer Art graugrüner Einheitsjahreszeit. Schon der Frühling ist kaum noch als solcher zu erkennen. Im März bereits geht der Winter fast schlagartig in eine Art Frühsommer über - mit Temperaturen an die 30 Grad. Im Turbotempo recken die ersten Blumen ihre Köpfe und sind auch schon wieder verblüht. "Komm lieber Mai und mache…", hieß es einst. Heute sind die Bäume schon im April kräftig belaubt, um im August die ersten Blätter wieder abzuwerfen.

Ach, ach .... Hier: ein toter Baum am Seeufer, in Bayern. (Foto: Richard Huber / Wikimedia Commons)
In diesem, wieder einmal von Wetterextremen geprägten Jahr haben diverse, mutmaßlich durch den Klimawandel virulenter gewordene Pilzkrankheiten nicht nur den Blättern des Bergahorns mächtig zugesetzt. Vielerorts waren die Kronen der schönen Bäume schon Ende September, sechs Wochen vor dem natürlichen Laubfall, völlig entlaubt. Die Eschen leiden unter einer neuen Krankheit, die ihre Triebe verdorren lässt - Erinnerungen an das Ulmensterben werden wach. An die durch die Miniermotte entlaubten Kastanien hat man sich fast schon gewöhnt. Aber auch Erlen und Lärchen und Weiden kümmern vor sich hin und schalten um auf Spätherbst, lange vor der Zeit.
Und wo ist das flammende Rot und Orange der Buchen und Eichen? Im Herbst 2011 liegt wieder einmal ein bräunlicher Ton über unseren Laubwäldern. Buchen und Eichen sind übervoll mit Früchten, Bucheckern und Eicheln, die die bunten Farben überdecken. Ein "Mastjahr", wie fast durchwegs in den vergangenen Jahren. Darüber freuen sich die Wildschweine, der Herbst-Wanderer vermisst das gewohnte Farbschauspiel. Glücklich auch, wer noch einen Vogelzug beobachten kann. Manche Arten haben das Ziehen schon aufgegeben. Sie sparen sich die lange Reise in den Süden, weil es für sie im Klimawinter auch hierzulande genug zu fressen gibt. Wie lange wird es dieses Naturschauspiel noch geben? Wie lange wird man ihn noch hören können, den klagenden Ruf der Kraniche auf ihrem Weg in wärmere Gefilde?
Der Herbst - Zeit der Ernte, mit Früchten dicht behangener Obstbäume und mit Most gefüllter Fässer. Auch diese Domäne hat er längst an den Sommer abgetreten. Heute sieht man schon im Juli die Stoppeln abgeernteter Getreidefelder. Manche Winzer ziehen schon im August in ihre Weinberge, um die überreifen Trauben in den Keller zu holen, weil sonst viel zu viel Zucker zu Alkohol vergären würde. Einst filigrane Tropfen, wie die von Mosel und Saar, sind zu Alkoholbomben mutiert. Fast sind die Winzer froh, wenn nicht wieder ein neuer "Jahrhundertjahrgang" ins Haus steht.
Und jetzt beginnen die Werbeleute auch noch, dem deutschen Herbst semantisch den Garaus zu machen. In immer mehr Prospekten motzen sie den Herbst zum "Indian Summer" auf, den man jetzt auch im Teutoburger Wald erleben darf. Wahrscheinlich klingt "Herbst" einfach zu deutsch-düster und eignet sich nicht für die Werbeschlacht. Zu viel Melancholie, zu viel endzeitliche Grübelei, zu wenig Optimismus, der die Geldbeutel öffnet. Armer Trakel! Vielleicht ahnte er etwas, als er sein Herbstgedicht mit den Zeilen schloss: "Es rauscht das Rohr, anfällt ein knöchern Grauen/Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden."
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.Zurück zur Kolumnen-Übersicht
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