Es war einmal ein Paradies
Die Malediven - Sehnsuchtsort vieler Europäer, die vom angeblich so paradiesischen Leben an den fernen Gestaden des Indischen Ozeans träumen. Am blütenweißen Strand unter Palmen dem Sonnenuntergang zusehen, hinabtauchen zu den prächtigen Korallengründen, letzten Refugien einer urtümlichen Natur. Die Malediven - auf Du und Du mit dem Walhai oder dem Stachelrochen. Abends von einer geheimnisvoll lächelnden Schönen massiert und mit Aromaölen beträufelt werden und am Buffet die kulinarischen Schätze des Meeres genießen. Und das alles vielleicht sogar zum Schnäppchenpreis, Flug und Schiffstransfer inklusive.
Die Wirklichkeit sieht ein wenig anders aus, wie jüngst in einer Reportage auf 3sat zu sehen war. Die Malediven sind mitnichten ein Paradies, zumindest jetzt nicht mehr, seit das Archipel von Millionen Touristen aus aller Welt gestürmt wird. Viele der Korallenatolle sind längst zu dicht bebauten Hotelinseln mutiert. Die Bungalows für die Touristen stehen dicht an dicht: Urlaub im Reihenhaus. Davor der Süßwasserpool, obwohl der Strand nur ein paar Meter entfernt ist. Das Wasser wird mit Entsalzungsanlagen gewonnen, die mit Dieseltreibstoff betrieben werden und wahre Energiefresser sind.
Weil die landwirtschaftliche Produktion auf den Insel zu vernachlässigen ist, werden fast alle Lebensmittel für die überquellenden Touristenbuffets importiert. Selbst der Fisch stammt meist nicht aus den überstrapazierten Fanggründen der Malediven. Und so schlagen sich die Leute die Bäuche mit den gleichen Leckerbissen voll, die sie auch daheim haben könnten. Und dafür ist man dann um den halben Erdball geflogen.
Natürlich geht die große Wellness-Sause nicht ohne gigantische Müllberge ab. Der ganze Dreck landet zum Teil einfach im Gebüsch oder im Meer. Wer sich mal aus seinem Touristenghetto hinaustraut ins wahre Leben, stolpert an jeder Ecke über die Hinterlassenschaften der Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Vieles davon wird direkt ins Meer "entsorgt". Ein großer Teil landet weitgehend unaufbereitet auf einer "Müllinsel", darunter Giftmüll wie Farbeimer und Ölfässer. Auf der notdürftig mit Sand bedeckten Oberfläche dieser Müllkippe sind Fabriken entstanden, in denen Einheimische und Einwanderer zu Hungerlöhnen Möbel für die Touristenherbergen zimmern.
Auch das ungetrübte Tauchvergnügen, das hier die allermeisten Reisenden suchen, gehört längst der Vergangenheit an. Vielerorts sind die empfindlichen Riffe schon zerstört oder, von den Massen meist ungeübter Taucher und Schnorchler sowie den Abwässern der zahllosen Hotels, schwer beschädigt. Die farbenfrohen Korallen und Fische werden immer seltener. Vor allem Haie, denen auch von Trophäenjägern nachgestellt wird, sind in den Gewässern der Malediven akut vom Aussterben bedroht. Ihre Furcht erregenden Gebisse findet man zu Spottpreisen im Andenkenladen, wo sie auf rege Nachfrage stoßen.
Und wenn dann einmal doch ein äußerst seltener Walhai auftaucht, streiten sich die Taucher um die besten Plätze für den Unterwasser-Schnappschuss. Eine junge Frau, vom Fernsehteam nach der Sinnhaftigkeit solchen Treibens befragt, meinte selbst, dass dies "pervers" sei. Doch vom nächsten Trip auf die Malediven oder zu andere Hotspots des Tauch-Tourismus wird sich die begeisterte Taucherin wohl nicht abhalten lassen.
Die Regierung der Malediven kennt die Probleme wohl, setzt aber, mit freundlicher Unterstützung der internationalen Reisekonzerne, weiter unverdrossen auf die Entwicklung des Tourismus. Überall entstehen neue Feriensiedlungen, werden Start- und Landebahnen planiert, wo einst Palmen standen. Angeblich soll mit den Erlösen aus diesem Geschäft eine Umsiedlung der maledivischen Bevölkerung aufs Festland finanziert werden. Denn die Inseln sind, wie man weiß, akut von der Überflutung durch den infolge des Klimawandels ansteigenden Meeresspiegel bedroht.
Manche Biologen und Ozeanologen glauben, dass der Inselstaat noch eine Chance habe. Wären die Riffe noch gesund, so argumentieren sie, könnten sie mitwachsen und die Inseln der Überflutung vielleicht entgehen. Doch gerade der Massentourismus, von dem sich die Regierung das Geld für eine neue Heimat erhofft, fördert massiv die Erosion der Strände und beschleunigt den Niedergang der Eilande. Dazu kommen die riesigen Mengen an Treibhausgasen, die die Touristen auf ihren langen Flügen zum Ziel ihrer Träume produzieren, die wiederum den Klimawandel und den Meeresspiegelanstieg verstärken.
Das Beispiel Malediven zeigt schlaglichtartig den ganzen Irr- und Widersinn der Tourismusindustrie, die das zerstört, was sie zu bewahren vorgibt und sich damit auf kurz oder lang ihrer eigenen Grundlagen beraubt. Das Beispiel ließe sich sicherlich mühelos auf viele andere Orte übertragen, wo der Tourismus weniger die Lösung sozialer und ökologischer Probleme als deren Ursache ist, der sogenannte Ökotourismus eingeschlossen. Solch eine Reportage gehörte nicht ins Nischenprogramm, sondern in die Primetime gleich nach den Nachrichten. Vielleicht würde dann dem einen oder anderen Zuschauer der Appetit auf den Last-Minute-Trip ins Tropen-Paradies vergehen. Mein Tipp: Zu Hause bleiben und sich die letzten bunten Korallenriffe bei einer guten Flasche Wein im Fernsehen anschauen. Da sitzt man garantiert in der ersten Reihe!
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.Zurück zur Kolumnen-Übersicht
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