Der Siegeszug der Herrenmenschenwagen
In letzter Zeit kann man immer mal wieder Meldungen lesen, wonach das Auto als Statussymbol ausgedient habe. Trendforscher meinen, dass sich vor allem junge Städter oft gar keinen Pkw mehr zulegten. Das Statussymbol des 21. Jahrhunderts und der Net-Generation sei nicht mehr der neueste "Benz", sondern das schickste Smartphone oder Citybike.
Schön, möchte man glauben, dass die Leute endlich vernünftig geworden sind und Peak Oil, der Klimawandel, die verstopften Innenstädte und zubetonierten Landschaften zu einem Gesinnungswandel geführt haben. In der Tat ist ein Smartphone, auch wenn man alle halbe Jahre ein neues kauft, immer noch umweltfreundlicher als eine CO2-Schleuder auf vier Rädern.
Dem widerspricht allerdings der Augenschein und die Statistik. Vor ein paar Jahren waren Geländewagen in den Städten noch eine Seltenheit. Man wusste, dass die Amis gerne mit solchen Panzern herumfahren und ihre CO2-Bilanz versauen. Hierzulande sah man aber nur ein paar Förster oder jagende Zahnärzte hinter dem Steuer solch überdimensionierter und übermotorisierter Boliden.
Doch das hat sich nachhaltig geändert. Heute bevölkern ganze Rudel von SUVs die Innenstädte und die Autobahnen. Wie jüngst auch auf klimaretter.info zu lesen war, wurden im ersten Halbjahr 2011 so viele Sport Utility Vehicles (SUV) verkauft wie noch nie. Der Marktanteil von BMW X5, Audi Q7, von Touareg, Cayenne & Co. liegt schon bei über 13 Prozent. Der Trend, auf den die deutschen Autobauer mit einer breiten Palette von Geländewagen längst aufgesprungen sind, kommt selbstredend aus den USA, wo schon die Hälfte aller Neuwagen dem SUV-Spektrum zuzurechnen sind.
Wenn man in München morgens aus dem Haus geht, sieht man sich von den Monsterkarren regelrecht umzingelt. Energische Mütter sausen am Steuer eines Respekt gebietenden Landrover Defender zum Kindergarten, der Sprössling hinten im Kindersitz festgezurrt. Jungdynamische Rechtsanwälte fahren im Jeep Grand Cherokee schnell zum Bäcker um die Ecke, um die Siebenkornsemmeln fürs Frühstück zu holen. Bei uns in der Straße parkt sogar ein "richtiger" Geländewagen, etwa doppelt so groß wie ein SUV, mit Reifen groß wie Traktorräder und einem Abgasrohr ausgestattet, das statt zur Erde in den Himmel weist. Damit kann man auch reißende Flüsse durchqueren, ohne dass der Motor absäuft.
Was finden eigentlich die Leute an diesen Karossen, die doch nur Nachteile haben? Die Monster sind teuer, ein Nachteil, den man allerdings durch die Anmeldung als Firmenwagen etwas lindern kann. Außerdem sind sie wahre Spritfresser, woran auch Hybridantrieb und Start-Stop-Automatik wenig ändern. Weil sie so groß sind wie ein kleiner Lastwagen, braucht man zum Abstellen extra breite Parklücken. Und in die Waschanlage darf man mit ihnen auch nicht fahren. Außerdem muss man immer darauf gefasst sein, von ökologisch sensiblen Menschen als Umwelt-Sau diskriminiert zu werden. Der Münchner Ökoverein Greencity hat mal "rote Karten" an SUV-Fahrer am Münchner Hauptbahnhof verteilt.
Warum also schwören immer mehr Leute auf Geländewagen, wenn nicht aus Statusgründen? Schon die Werbung suggeriert: In einem SUV ist man immer "obenauf". Man thront buchstäblich über dem Gewusel der anderen Verkehrsteilnehmer und könnte, wenn man wollte, die lästigen Radler und Kleinwagenbesitzer mit dem Chrom blitzenden Bullenfänger locker in den Straßengraben schieben. Und die umweltbewegten Gutmenschen und selbst ernannten Weltenretter gleich mit. Kurz: Man darf sich unabhängig und mächtig fühlen in solch einem Herrenmenschengefährt, auch wenn man ein kleines Würstchen ist. Was erklären würde, warum nicht selten zierliche Blondinen und kleingewachsene Männer solche Autos bevorzugen.
Mag ja sein, dass die Jugend auf Smartphones und trendige Bikes steht. Doch wenn die Jungs und Mädels nach dem BWL- oder Jurastudium genug auf der hohen Kante haben, drängt es sie offenbar doch wieder zum Auto. Heute steht nicht mehr der "dicke Benz" für Macht und Erfolg, sondern der SUV, je größer und protziger, desto besser. Und man sollte sich nicht darauf verlassen, dass nur FDP-Wähler zu den Klima vergessenen Geländewagenfreaks zählen. Auch vor dem Bio- oder Hofladen hat man schon so manchen Touareg parken sehen…
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.Zurück zur Kolumnen-Übersicht
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