Die Tortur an der Supermarktkasse
Etscheits Alltagsstress
Es ist jedes Mal eine Tortur, das Schlangestehen an der Supermarktkasse. Nicht, weil es der Kassiererin partout nicht einfällt, "zweite Kasse bitte" ins Mikrofon zu rufen oder die Oma im Zeitlupentempo die Münzen aus ihrem Portemonnaie grabbelt. Oder der junge Mann, der die 1,35 Euro für seinen Trinkjogurt mit der Kreditkarte bezahlt und der Drucker minutenlang die Quittung nicht ausspuckt. Zur Weißglut bringt mich das, was die Leute so aus ihrem Einkaufswagen aufs Förderband laden.
Da ist die Mutter mit dem quengeligen Kind, die gerade drei Chipstüten und eine Großpackung "Kinder"-Milchschnitten erstanden hat. Weiß die Frau eigentlich nicht, wie viel unnützes Fett in den versalzenen Kartoffelscheiben steckt? Und dass Milchschnitten, für die Ferrero infamerweise Profisportler werben lässt, weniger mit "gesunder" Vollmilch als mit Unmengen an Zucker und Fett vollgestopft sind? Will sie denn, dass ihr ohnehin etwas übergewichtiger Sprössling bald noch mehr Kilos auf die Waage bringt?
Oder der Student mit der Tiefkühlpizza "Quattro formaggi" und dem eingeschweißten Feldsalat? Dass die mit Analogkäse belegten Fabrikfladen Kalorienbomben ersten Ranges und schrecklich ungesund sind, müsste sich ja zwischenzeitlich herumgesprochen haben. Und über die fix und fertig geputzten Convenience-Salate, für die es mittlerweile eigene Kühlregale im Supermarkt gibt, haben sie erst kürzlich im Fernsehen gesagt, dass sich bei dem angeblichen so gesunden Bequem-Grünzeug sämtliche Vitamine und alles andere, was irgendwie gesund sein könnte, beim Öffnen längst in Luft aufgelöst hat. Sieht das keiner an? Wofür recherchieren denn die Journalisten?
Oder die Hausfrau mittleren Alters mit dem Kühne-"Schlemmertöpfchen". Das findet sich auf der Bewerberliste von Foodwatch für den "Goldenen Windbeutel 2011". Obwohl laut Foodwatch künstliche Aromen und ein Farbstoff drin stecken, würden die Gewürzgurken wie ein handwerkliches Produkt mit jahrhundertealter Tradition und "besten natürlichen Zutaten" verkauft. Warum wird das alles eigentlich nicht zur Kenntnis genommen? Schaut denn niemand auf die Zutatenliste? Angeblich ist der deutsche Verbraucher doch so kritisch und aufgeklärt.
Besonders qualvoll ist es, dem älteren Herren dabei zuzusehen, wie er zwei in Folie eingeschweißte Sixpacks Volvic-Mineralwasser in der praktischen Einwegflasche aufs Förderband wuchtet. Schreiben die Zeitungen nicht jeden zweiten Tag, wie gut das Münchner Leitungswasser ist und das man es mit Genuss und ohne Reue direkt aus dem Hahn trinken kann. Oder dass man zumindest ein regionales Mineralwasser kaufen sollte. Weil das abgestandene und nach Plastik schmeckende französische Markenwasser tausende Lkw-Kilometer hinter sich hat, bevor es bei uns im Supermarktregal landet. Klimaschutz? Nie gehört?
Ganz blümerant wird mir auch, wenn die Leute die Schweineschnitzel im Sonderangebot aus dem Wägelchen packen, gleich sechs Packungen auf einmal, weil es so schön billig ist. Fleischreduzierte Kost ist angeblich doch so in? Fast täglich liest man über Kommunen, die einen wöchentlichen Veggie-Day eingeführt haben oder bekommt Tipps, wie man schmackhafte vegetarische Gerichte zubereitet. Ganz zu schweigen von den Reportagen über die Qualen der Massentierhaltung. Glotzen die Leute nur Doof-TV al la HS24?
Manchmal juckt es mich, nicht in den Fingern, sondern in der Zunge, laut die Stimme zu erheben und die Leute zu fragen, mit was sie jeden Tag sich selbst und ihre Familien füttern. Aber das gäbe bestimmt einen Eklat. Bestimmt würden mich alle für einen Öko-Spinner halten. Deshalb lege ich nur demonstrativ meinen fairen Biokaffee, die Freilandeier, die superteure Unser Land-Biomilch und das recycelte Klopapier mit dem blauen Engel aufs Fließband. Die Tüte Man-wird-ja-mal-sündigen-dürfen-Erdnussflips habe ich vorsichtshalber wieder zurück ins Regal gestellt.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
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