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Omas Erdbeermarmelade

Etscheits Alltagsstress

etscheidJedes Jahr in der Erdbeerzeit - für mich sind das Mai, Juni und Juli, nicht die Weihnachtszeit - muss ich an meine Großmutter denken. Und an ihre phänomenale Erdbeermarmelade. Die Früchte dafür pflückte sie in ihrem eigenen, gepflegten Gärtchen. Wunderbar süß und aromatisch schmeckten sie, wenn mich die Erinnerung, die oft das Schöne bewahrt und das Schlechte ins Vergessen herabsinken lässt (Welch segensreicher Mechanismus!), nicht trügt. Und genauso schmeckte auch die Marmelade, die meine Oma noch mit einem nassen Cellophanhäutchen verschloss, das sich dann stramm wie ein Trommelfell übers Glas spannte. Omas Erdbeermarmelade war eine Wucht.

Großmutter starb Ende der Siebziger, weit über 90 Jahre alt. Eines Tages, nach ihrem allmorgendlichen Spaziergang, lag sie tot am Boden. Ihre Rezepte und Fertigkeiten als Hausfrau nahm sie mit ins Grab. Sie hatte noch Hauswirtschaft gelernt. Ende des 19. Jahrhunderts war das so üblich. Die Männer - meine Oma stammte aus einer vermögenden rheinischen Industriellenfamilie - wurden auf die Übernahme der Firma vorbereitet, gingen zum Militär oder auch mal als Priester zur Kirche. Die Frauen schickte man auf die Hauswirtschaftsschule.

Meine Oma konnte wunderbar kochen und backen. Nicht nur ihre Erdbeermarmelade war legendäre, auch ihr Zwetschgenkuchen. Weil ich damals die etwas bitteren Früchte nicht mochte, belegte sie immer eine Ecke des Blechs mit dem Hefeteig mit Apfelscheiben. Später schmeckten mir dann auch die Zwetschgen. So einen knusprigen, krossen Zwetschgenkuchen habe ich seither nicht mehr gegessen.

Oder ihre Kartoffelpuffer. Wie gesagt, meine Oma kam aus dem Rheinischen, wo Kartoffelpuffer sozusagen das Nationalgericht sind. Manchmal halfen wir ihr dabei, auf ihrem alten Gasherd die Reibekuchen zu backen. Sie rief dann immer „Fette rin“, wenn ihr die Pfanne zu trocken erschien. Wir Kinder konnten nicht genug bekommen von dieser Speise, die mit pechschwarzem, rheinischen „Apfelkraut“, eingedicktem Apfelsirup, serviert wurde. Immerhin das Apfelkraut in seiner klassischen, silbernen Blechdose mit den goldenen Ranken gibt es noch.


Alter Schinken? "Der Erdbeerkorb", gemalt 1760 von Jean-Baptiste Siméon Chardin

Ach ja, meine Oma konnte auch meisterlich nähen. Für meinen Bruder, der ein etwas seltsames Hobby pflegte, nämlich eine „Bärenkirche“, in der Stoffteddys und andere Plüschtiere hochwürdige Geistliche verkörperten, mit denen sonntags lange Messen gefeiert wurden, für diese „Bärenkirche“ also nähte sie mit Engelsgeduld prunkvolle Gewänder und Ornate. Sie hatte noch eine alte, bleischwere Singer-Nähmaschine mit klimafreundlichem Fußbetrieb. Übrigens habe ich nie bemerkt, dass sie sich über ihre Arbeit beklagt hätte.

Ich bin froh, dass ich so eine Oma noch erlebt habe. Denn Omas dieser Art werden immer weniger. Bald werden sie wohl ganz ausgestorben sein. Und mit ihnen eine lange Kultur der Hausarbeit. Denn heute besuchen nur noch wenige junge Mädchen die Hauswirtschaftsschule. Sie machen lieber den gleichen Unsinn wie die Männer, studieren Marketing, um den Menschen nutzlose Produkte anzudrehen, oder gehen zur Bundeswehr. Wenn sie mal in der Küche stehen, sind sie genauso ratlos wie lange Zeit die Männer, die höchstens mal das Geschirrtuch zur Hand nahmen oder ein Ei in die Pfanne schlugen.

Die Oma der Zukunft kann nicht mehr Erdbeermarmelade kochen oder Zwetschgenkuchen und Kartoffelpuffer backen. Sie kann nur noch Packungen aufreißen, Fertiggerichte in die Mikrowelle stellen oder Pizzas in den Ofen schieben. Denn die Lebensmittelindustrie hat natürlich längst erkannt, welche Lücke da entsteht und welcher Markt, und bieten sogar schon fix und fertig angerührten Pfannkuchenteig in der praktischen Plastikflasche an. Tiefgefrorene Kartoffelpuffer, die nach Gummi schmecken, gibt es ja schon lange. Oder künstlich aromatisierte Erdbeermarmelade oder den Pflaumenkuchen vom Discountbäcker - aus Wabbelteig , mit geschmacksneutralen Früchten belegt. Wenn meine Großmutter wüsste, was die Omas und Mütter heute ihren Kindern auftischen, sie würde im Grabe rotieren.

Und die Oma der Zukunft kann natürlich auch nicht mehr nähen, stricken, stopfen oder häkeln. Die löchrigen Socken werden einfach weggeworfen und um die abgefallenen Knöpfe kümmert sich der Schneider um die Ecke. Dabei wäre es doch so viel nachhaltiger, wenn man wieder mehr selbst machen würde, als jeden Handgriff einem „Dienstleister“ oder der Industrie zu überlassen. Und wenn man die alte Singer wieder reaktivieren würde und die Hightech-Computernähmaschine eingemottet, könnte einem sogar ein Stromausfall nichts anhaben, vor dem die Atomkonzerne jetzt immer warnen.

Übrigens will ich hier mitnichten „Frauen zurück an den Herd“ predigen. Auch Männer können sehr gute „Hausfrauen“ abgeben. Oft sind es ja ohnehin schon Männer, die sich in ihrer Freizeit an den Herd stellen. Warum sollen sie nicht auch Staub wischen, Strümpfe stopfen oder Knöpfe annähen? Vielleicht gelingt es ja doch noch, ein einer gemeinsamen, Geschlechter übergreifenden Anstrengung, das Wissen unserer Omas ins 21. Jahrhundert hinüberzuretten. Die Zeit drängt. Denn viele Omas, von denen wir lernen können, gibt es nicht mehr. Sonst werden sich die nächsten Generationen nicht mehr an legendäre Erdbeermarmeladen oder Zwetschgenkuchen erinnern können. Und die alten Rezepte gibt es nur noch, bibliophil ediert, bei „Manufactum“.

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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