Heimat Ade!
Die Hohe Leite zählt zu den markantesten Erhebungen der Fränkischen Schweiz. Von hier oben schweift der Blick weit übers Land. Über ein Mosaik aus Wiesen, Feldern, Wäldern, Dörfern, schmalen Flüsschen und bizarren Kalkfelsen. Diese Szenerie begeisterte schon Romantiker wie Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder. Seither scheint sich zumindest optisch wenig verändert zu haben. Nichts Heutiges stört den Eindruck einer fast vorindustriellen Harmonie, die dieser anmutigen, unspektakulären Landschaft zu Eigen ist. Nur ganz am Horizont, dort, wo Bamberg liegt, das "fränkische Rom", drehen sich ein paar Windräder. Aus der Ferne sehen sie recht ungefährlich aus.
Doch auch um diese "offene", industriell noch nicht überformte Landschaft könnte es bald geschehen sein. Seit Angela Merkel den Atomschwenk vollzogen hat und auf den Zug der Erneuerbaren Energien aufgesprungen ist, drohen auch die letzten, noch relativ unberührten Mittelgebirgsregionen etwa in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg ihr Gesicht zu verlieren. Vor allem die Windkraft zu Lande und zu Wasser soll die Stromlücke füllen. Bislang hatte ironischerweise das sture Festhalten der Union an der Atomkraft verhindert, dass manch karge und deshalb noch weitgehend intakte Landschaften wie die Fränkische Schweiz oder die Schwäbische Alb so intensiv für die Energiegewinnung genutzt werden wie die nördlichen Küstenländer, wie Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und die Ebenen Brandenburgs, die nach dem Bioenergieboom der letzten Jahre vielerorts kaum noch wiederzuerkennen sind.
Denn auch die für Deutschland typischen sanften Höhenzüge der Mittelgebirge scheinen als Standort für Windräder prädestiniert. Hier weht der Wind stark und gleichmäßig. Hier gibt es große Staatsforsten, die relativ unkompliziert zur Nutzung für Windkraftanlagen freigegeben werden könnten. Gerade wurde im Landkreis Hof der erste "Waldwindpark" Bayerns in Betrieb genommen und vom Regensburger Oberbürgermeister Hans Schaidinger, einem der Projektträger, als "Symbol für die Veränderung und die Zukunft" gepriesen. Bald werden wohl Hunderte, ja Tausende solch neuer Windkraftwerke in den Himmel wachsen, um den Energiehunger zu stillen, von den vielen Kilometern neuer Hochspannungstrassen zum Abtransport des "grünen" Stroms ganz zu schweigen.
Allein in Baden-Württemberg werden von 2 000 potenziellen Standorten erst rund 60 genutzt. Weitere Kulturlandschaften, in Jahrhunderten gewachsen, werden sich in verspargelte und verdrahtete Energielandschaften verwandeln. Der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch forderte schon mal vorsorglich, dass der Umbau des Energiesystems Vorrang vor Belangen des Natur- und Landschaftsschutzes haben soll. Ähnliche Botschaften sind auch aus anderen Bundesländern zu hören, wobei der Landschaftsschutz ohnehin ein relativ stumpfes Schwert ist. Ein CSU-Landtagsabgeordneter aus Passau fordert jüngst, Windräder künftig auch in Landschaftsschutzgebieten aufzustellen, um die Energiewende zu beschleunigen. Auch der Nationalpark Bayerischer Wald soll nicht tabu sein. Den Bürgern müsse gesagt werden, dass für eine echte Energiewende auch "Abstriche an der bisherigen Lebensqualität hingenommen werden müssten", sagte Kobler.
Deutsche Landschaften sind meist nicht dazu angetan, ihrem Betrachter den Atem zu verschlagen oder Schreie des Entzückens zu entlocken. Sie bieten keine Sensationen wie das Berner Oberland mit Eiger, Mönch und Jungfrau, wie der Yosemite-Nationalpark in den USA mit seinen Geysiren oder der Grand Canyon mit seinen schaurig-schönen Abgründen. Im Schwarzwald, im Harz oder im Voralpenland ist alles eine Nummer kleiner. Es sind fragile Kulturlandschaften, geformt in Generationen, die von ihrer Kleinteiligkeit und gewachsenen Vielfalt leben.
Doch schon heute sind von dieser Vielfalt an Baustilen, Bauformen und Wirtschaftsweisen vielerorts nur noch Rudimente vorhanden. Der Prozess, den man Zersiedelung nennt, schreitet ungebremst voran. Was einst in Jahrzehnten und Jahrhunderten wuchs, in Zusammenspiel und Austausch mit der jeweiligen Region, ihren Naturgütern, ihren Menschen, wuchert heute im Zeitraffertempo. Allein in Bayern wird jedes Jahr eine Fläche so groß wie Augsburg überbaut. Und überall das gleiche verlidelte Einerlei von Verbrauchermärkten, Logistikzentren, Gewerbegebieten, Wohnsiedungen mit Fertighäusern aus dem Katalog, Stromleitungen, Autobahnen, die von "Autohöfen" und Tankstellen gesäumt sind, Parkplätzen und tot gespritzten Agrarwüsten.
Einst erkannte man schon an einem bestimmten Werkstoff, wo man sich befand: Roter Sandstein in Spessart und Odenwald, Basalt im hessischen Vogelsberg, Holz in Schwarzwald und Voralpenland, Klinker im Norden. Heute verwischen diese Unterschiede mehr und mehr, werden nivelliert von den in ganz Deutschland und fast aller Welt gültigen Gesetzen des Marktes - Effizienz und Rentabilität. Und niemand glaubt ernsthaft, dass sich diese Entwicklung aufhalten oder auch nur verlangsamen ließe. Im Gegenteil: die "grüne" Revolution wird den Landschaftsverlust potenzieren.
Worin besteht dieser Verlust? Haben sich Landschaftsbilder nicht immer gewandelt? Soll man gewaltsam konservieren, was ökonomisch überholt ist? So wie Naturschützer die Lüneburger Heide künstlich vor dem Zuwachsen bewahren, seit es die großen Schafherden, die diese Landschaft einst formten, nicht mehr gibt? Oder soll man der Entwicklung freien Lauf lassen und versuchen, ihr das Beste abzugewinnen? Wie es ein unlängst im Baedeker-Verlag erschienener Reiseführer "Erneuerbare Energien entdecken" nahelegt, der etwa einen Besuch des "Kunst-Windparks Lübow" in Mecklenburg-Vorpommern empfiehlt, "bei dem vier Windkraftanlagen von regionalen Künstlern farbenfroh bemalt" wurden. Derweil holländische Energieversorger versuchen, den Bürgern neue Stromleitungen mit "Designermasten" schmackhaft zu machen.
Beim Landschaftsschutz geht es nur vorderhand um ästhetische Kategorien, über die sich trefflich streiten ließe. Der Anblick einer intakten Landschaft vermittelt weit mehr als die zuweilen von christlichen Politikern beschworene "Schönheit der Schöpfung". Es geht um Begriffe wie Identität und Kontinuität. Ob in Bangladesh, Brasilien oder Bayern - Industrie- und Energielandschaften sehen überall mehr oder weniger gleich aus. Ein Gefühl von Heimat - verpöntes Wort - können sie kaum mehr vermitteln. Schon die Vernichtung vieler deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg war ein ungeheurer Verlust von Eigenem, Unverwechselbaren. Nicht wenige dieser Städte, nach dem Krieg lieblos wieder aufgebaut, sind bis heute so etwas wie Niemandsland, die Wunden längst nicht verheilt. Soll dies Schicksal auch unsere letzten freien Landschaften ereilen? Der Preis für das Festhalten am konsumistischen Wohlstandsmodell, an ausufernden Bequemlichkeits-, Kommunikations- und Mobilitätsbedürfnissen, wird hoch sein, auch mit "grüner" Energie und "nachhaltigem" Wachstum.
Eine "heile" Landschaft vermittelt überdies das Gefühl, zumindest die Illusion, dass es Räume gibt, die menschlichen Verwertungsansprüchen nicht unterliegen. Dinge, Zustände, die einfach da sind. Wie der Wechsel von Tag und Nacht, von Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Es ist das beruhigende Gefühl, in einem überzeitlichen Kontinuum eingebunden und aufgehoben zu sein. Ein Gefühl, das den Schmerz der Vergänglichkeit erträglicher macht.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
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