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Fingerfood für die vierte Gewalt

Etscheits Alltagsstress

etscheidJounalisten haben in der Bevölkerung keinen besonders guten Ruf. Immer rangieren sie bei entsprechenden Befragungen fast ganz am Ende der Beliebtheitsskala. Nur Politiker kommen meist noch schlechter weg, was kein besonderer Trost ist. Warum das so ist, dafür gibt es viele Gründe. Für manche können die Journalisten etwas, für andere nicht. Vielleicht tut es den Leuten oft nur weh, wenn sie die Wahrheit sehen, hören oder lesen müssen. Und dann massakrieren sie eben, der Einfachheit halber, die Überbringer der schlechten Botschaft.

Man muss aber selbstkritisch anmerken, dass es viele Journalisten mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Und es kommt auch nicht besonders gut an, wenn man sieht, wie sich Kollegen, hungrigen Wölfen gleich, bei einem x-beliebigen Pressetermin aufs kalte Buffet stürzen oder reihenweise Presserabatte absahnen. Deswegen sind Presseausweise heiß begehrt, obwohl man sie im täglichen journalistischen Arbeitsleben so gut wie nie braucht. Solches Schmarotzertum steht einem Berufsstand nicht gut an, der sich als vierte Gewalt im Staate versteht und jedem Politiker auf die Finger haut, wenn der sich mal von einem Unternehmerfreund im Privatjet ins Feriendomizil fliegen lässt.

Allerdings ist den Verführungen der PR-Abteilungen oft kaum noch zu widerstehen. Vor Erfindung des Turbomarketings waren Pressekonferenzen eine ziemlich trockene Angelegenheit; es gab eine schlecht formulierte Pressemitteilung und ein hölzernes Statement. Das war zwar nicht besonders unterhaltsam, aber völlig ausreichend. Heute wird fast jeder noch so marginale Pressetermin zu einem aufwändig inszenierten Event, zuweilen im Stil einer Talkshow mit Stehtischen oder Lounge-Atmo. Auch kulinarisch muss dem Publikum etwas geboten werden. Bürokekse und Kaffee/Tee/Mineralwasser sind das mindeste, was Journalisten erwarten, die vormittags um zehn oder elf zum Pressetermin gebeten werden. Die süddeutsche Variante des Morgensnacks sind Butterbrezn, mit denen die Stadt München gerne aufwartet.

Wenn die Mittagsstunde naht, steht oft ein veritables Buffet bereit. Da stehen dann auf jedem Tisch übervolle Platten mit den üblichen Schnittchen, die meist ziemlich fad schmecken. Immer dabei: bleicher Lachs aus Industriezucht oder Zucht-Garnelen aus Fernost, für die wertvolle Mangrovenwälder abgeholzt werden. Sehr beliebt bei den Caterern sind auch modische Süßigkeiten in Form von Puderzucker bestäubten Mini-Croissantes oder Puppen-Rosinenschnecken. Je nobler die einladende Institution, desto aufwändiger die Kulinarik. Die Bayerische Staatsoper kredenzt ihren Gästen schon mal euro-asiatisches Fingerfood von Feinkost Käfer. Dazu wahlweise Rot- oder Weißwein, dessen Genuss dazu führt, dass die Meldung über das Ereignis hernach recht beschwingt ausfällt.

Mit buttrigen oder von Mayonnaisetupfern auf dem Lachsröllchen verschmierten Fingern greift der Journalist dann zu den an jedem Platz bereit liegenden Einweg-Kugelschreibern mit dem Logo der ausrichtenden Institution. Von diesen Wegwerfartikel müssen Milliarden und Abermilliarden auf dem Globus kursieren. Vermutlich sind sie ein Hauptbestandteil jener gigantischen Müllstrudel, die Forscher in den Weltmeeren ausgemacht haben. Eigentlich gehörte es ja zum Journalistenberuf, dass man sein bescheidenes Handwerkszeug, Schreibgerät und Block (oder ein Aufnahmegerät), zu einer PK mitbringt. Ein Handwerker bittet seine Kunden ja auch nicht um die Schlagbohrmaschine.

Auch die Informationsvermittlung selbst wird immer aufwändiger. Die Pressemitteilungen stecken in schicken Mappen, wahlweise aus Papier oder aus Plastik, deren einziger Zweck ist, nach der Entnahme der inliegenden Blätter, weggeschmissen zu werden. Recyclingpapier ist bei PR-Terminen verpönt, wenn es sich nicht gerade um die PK eines Umweltverbandes handelt. Denn es geht ja bei den meisten Presseevents darum, „Wertigkeit“ zu demonstrieren. Und die „Premium“-Attitüde funktioniert nun mal nicht mit Ökopapier, dem immer noch der graue Ruf der Askese anhaftet. Manchmal ist das Papier sogar farbig und die Rückseite der Pressemitteilung nicht einmal für Notizen zu gebrauchen.

Neuerdings gibt es die gleichen Informationen zusätzlich auf einer beiliegenden CD-Rom und - das ist der vorerst letzte Schrei - auf einem Speicher-Stick, den man sich an einem neckischen Bändchen um den Hals hängen kann. Also alles in dreifacher Ausfertigung. Wenn man dann im Büro ist, trudelt das ganze noch per Mail ein und, einen Tag später, abermals auf dem Postweg. Kein Wunder, dass der Papierverbrauch immer neue Rekorde bricht. Dabei würde es doch reichen, die Infos auf der Homepage online zur Verfügung zustellen. Aber das macht eben nichts her, marketingmäßig.

Besonders dienstbeflissene Presseleute nötigen Journalisten, vor Beginn der Konferenz ein Plastikschildchen mit Namen und Arbeit- bzw. Auftraggeber ans Revers zu stecken, damit der Kollege, den man jeden Tag sieht, auch weiß, wen er vor sich hat. Wenn man dann also den Imagefilm und die Powerpoint-Präsentation überstanden hat, ein paar kritische Fragen losgeworden ist und vom Buffet naschen durfte - viele nicht aufgegessene Schnittchen landen nach Ende der Veranstaltung im Müll - wartet am Ausgang noch eine Tragetasche mit allerlei nützlichem Inhalt. Wieder das ganze Pressematerial, dazu ein Haufen Prospekte, Imagebroschüren, CDs, Pressefotos, vielleicht sogar ein Buch oder ein schicker Bleistift, ein Schlüsselanhänger, ein Döschen mit Pfefferminzpastillen und andere Überraschungen aus dem überreichen Fundus der Werbemittelindustrie.

Gelegentliche Versuche, die freundlichen Pressesprecher oder Hostessen der PR-Abteilungen zu ein wenig mehr Achtsamkeit im Umgang mit knappen Ressourcen zu bewegen, stoßen auf Unverständnis. Denn die Materialschlacht ist für sie keine Verschwendung, sondern Ausdruck höchster Professionalität, erlernt in vielen nützlichen PR-Seminaren, wo es darum geht, im Informations-Tsunami noch wahrgenommen zu werden.

Unbeliebt macht man sich mit Kritik an der herrschenden Verschwendungspraxis aber auch bei Kollegen, die sich längst daran gewöhnt haben, dass man sich von Termin zu Termin locker durchfressen und so die Kantine oder das Abendessen sparen kann. Ganz abgesehen von der kostenlosen Journalistenreise und anderen Annehmlichkeiten zugunsten der vierten Gewalt. Und Block und Stift muss man auch nicht mehr mit sich herumschleppen.

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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