Das Leben mit der Schmerzlust
Was für ein Staccato! Erst der Tsunami, dann Fukushima, dann Merkel, die mal eben zur Anti-Atom-Aktivistin mutierte. Und nun wird gegen die mörderische Schießbudenfigur namens Gaddafi zurückgebombt. Das Gewese um den Lügenbaron KTvzG erscheint einem fast schon prähistorisch und irgendwie völlig unangemessen.
Davor gab es die Sintflut in Australien und das Erdbeben auf Haiti. In Russland brannten ganze Landstriche, es gab die Schuldenkrise, den drohenden Staatsbankrott in Griechenland und Irland, das Öl-Desaster im Golf von Mexiko. Nicht zu vergessen der isländischen Vulkan, der tagelang den Luftverkehr über Europa lahmlegte. Und jetzt ist auch noch Knut tot - ein Menetekel!
Ich muss gestehen, dass ich im Moment der drohenden Apokalypse so etwas wie Schmerzlust empfinde. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich leide mit den von Erdbeben, Tsunami und drohendem GAU getroffenen Japaner. Ich bin angerührt von den Bildern bislang unvorstellbarer Verwüstungen, auch wenn dieses nur medial vermittelte Gefühl der Betroffenheit notwendigerweise abstrakt bleibt. Genauso abstrakt wie die Bilder von hungernden Menschen in Afrika oder von Kriegselend in Afghanistan. Bilder, die man im Fernsehen schaudernd zur Kenntnis nimmt, dabei aber ungerührt an einem Glas Rotwein nippt.
Meine Schmerzlust speist sich aus der Hoffnung, dass es infolge der Katastrophe jetzt vielleicht doch zu der lange erhofften Wende kommt. Dass die von Gier und Geiz beherrschten Menschen inne halten und einsehen, dass es so, wie bisher, nicht weitergehen kann mit ihrem Krieg gegen die eigenen Lebensgrundlagen. Dass vielleicht nur im Angesicht der Katastrophe so etwas wie eine Reinigung und ein Neuanfang möglich sind. Was die Finanzkrise nicht geschafft hat, schafft jetzt vielleicht Fukushima: Dass der Irrsinn ein Ende hat.
Aber diese Erwartung wird wohl auch diesmal enttäuscht. Am Anfang, als man die Bilder von der schwarzen Monsterwelle und dem explodierenden Atomkraftwerk im fernen Japan noch frisch vor Augen hatte, schien es ja für einen kurzen Moment, als werde jetzt so etwas wie eine Revolution ausgerufen. Als werde "das Volk", das über die enormen Risiken der Atomwirtschaft Jahrzehnte lang getäuscht wurde, die Zentralen der Atomkonzernen und der mit ihr verbandelten Parteien stürmen, wie weiland die Stasi-Zentrale in Ostberlin. Es schien, alss habe der ganze, brandgefährliche Atomspuk endlich ein Ende. Und vielleicht wirklich ein neues, sanfteres Zeitalter heraufdämmern, zuerst bei uns, dann vielleicht in der ganzen Welt, ein Zeitalter ohne Atomkraft, Gentechnik, verantwortungslose Ölförderung und alles andere, was den Fortbestand der Menschheit und des gesamten Ökosystems Erde in Frage stellt.
Aber der Weckruf beginnt schon wieder zu verhallen. Der Strom der Horrormeldungen aus Japan ebbt langsam ab oder wird von den Kriegsereignissen in Nordafrika überlagert. Die Atommanager haben sich aus ihrer Schockstarre gelöst und denken schon darüber nach, ihre Schrottmeiler wieder in Betrieb zu nehmen und die Bundesregierung wegen des hastig verkündeten Laufzeit-Moratoriums auf Schadensersatz zu verklagen. Wirtschaftsminister Brüderle, das Irrlicht aus dem prinzipienlosen Merkel-Kabinett, darf die neuerliche Atomdebatte "hysterisch" nennen und vielleicht darf sogar der Mappus weiterregieren, wenn die Linke infolge des Libyen-Krieges, den Merkel sogleich genutzt hat, um sich als Friedensfürstin zu profilieren, doch in den Stuttgarter Landtag kommt und es für Rot-Grün nicht reicht. Der "große Wurf" ist längst wieder in weite Ferne gerückt.
War vielleicht die Katastrophe von Fukushima nur noch nicht katastrophal genug? Müsste erst ganz Tokyo oder, der Gerechtigkeit halber vielleicht halb Deutschland, in eine Plutoniumwolke eingehüllt sein, bis die Politik Vernunft annimmt? Die von endzeitlich gestimmten Armargeddon-Fans aufgestellte Rechnung, je größer die Katastrophe, desto größer die Chance zur Umkehr, geht jedoch nicht auf. Denn die Hoffnung auf die kathartische Wirkung der Apokalypse speist sich in erster Linie aus der Aussicht auf ein "Danach". Auf eine bessere Welt, die aus den Trümmern der alten, lasterhaften Welt hervorgeht. Und sie speist sich aus der mythischen, alles heilenden Wirkung der Natur, in deren die Zeiten überdauerndes Kontinuum der Mensch wieder eingeht.
Doch die größten vorstellbaren, von Menschenhand ausgelösten Katastrophen, ein weltweiter Atomkrieg etwa oder eine umfassende Klimakatastrophe, drohen ja genau diese Hoffnung auf ein "Danach" zu vernichten. Das "Ende aller Tage" entlässt den Menschen nicht in eine geläuterte Welt, sondern auf einen verwüsteten, lebensfeindlichen Planeten, der im endlose Vakuum des Weltraumes treibt. Ebensowenig vermag das Klein-Klein des tagespolitischen "Geschäfts", das uns längst wieder im Griff hat, Hoffnung zu stiften auf eine bessere Welt, einen besseren Menschen. Schlimmer noch: die heutige Kaste "pragmatischer", weitgehend wertabstinenter Politmanager vom Typ Merkel und Westerwelle verneint sogar die Notwendigkeit einer solchen Vision.
Vielleicht bleibt auch am Ende von Fukushima, wie immer die Katastrophe ihren Fortgang nimmt, wieder nur der melancholische Blick auf eine Menschheit, der offensichtlich nicht zu helfen ist. Und in deren malträtierten Boden Menschen guten Willens doch immer wieder ein Apfelbäumchen pflanzen.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.Zurück zur Kolumnen-Übersicht
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