Waterloo an der Käsetheke
Etscheits Alltagsstress
Ich bekenne: Ich esse leidenschaftlich gerne Käse. Es geht doch nichts über einen rassigen Munster fermier, einen nussigen Comté Reserve, einen reifen Camembert aus der Normandie oder einen kräftigen Parmesano regiano. Natürlich weiß ich, dass die Herstellung von Milchprodukten das Klima schädigt und die Ökobilanz speziell von Käse ziemlich mies ist. Vor allem dann, wenn er von irgendwoher importiert werden muss. Leider, leider ist Deutschland kein klassisches Käseland. Viel der besten Sorten kommen immer noch aus Frankreich, Italien oder der Schweiz. Auch wenn es zugegebenermaßen auch bei uns immer mehr ambitionierte Käseproduzenten gibt.
Vor allem der Parmesan-Verbrauch in meinem Haushalt ist ziemlich hoch. Weil bei uns häufig Fleischloses auf den Tisch kommt. Und Spaghetti mit Tomatensoße schmecken nun mal besser, wenn man sie mit dem herzhaften Käse bestreut. Das gleich gilt für Gemüse, das im Ofen überbacken wird. Für die Käsekruste könnte ich sterben! Um Parmesan streufähig zu machen, muss man ihn reiben. Dafür haben sie in den Käsegeschäften spezielle Käsemühlen, mit denen eine optimale Körnung erreicht werden kann. Der fix und fertig geriebene Analog-Parmesan aus der Kühltheke im Supermarkt kommt selbstverständlich nicht in den Einkaufskorb.
Leider stellt sich da ein neues Öko-Problem. Denn die freundlichen Damen im Käsegeschäft füllen den geriebenen Hartkäse immer in diese ungeheuer praktischen Wegwerfbecher aus Plastik. Manchmal reicht einer nicht aus, dann wird für den Rest eben ein zweiter genommen. Noch einmal zwei Plastikdeckel drauf und um jeden Topf eine Plastikfolie, damit das Gebrösel später nicht in der Baumwolltasche liegt. "Wollen Sie ein kleines Tütchen?" Die Standardfrage jeder Verkäuferin beantworte ich ebenso standardmäßig mit einem mürrischen Nein. "Das ist schon genug Plastik, vielen Dank."
Um mein schon vom Käseverzehr angegriffenes Umweltgewissen zu erleichtern, habe ich mich entschlossen, fürderhin eine Tupperdose für den Reibekäse mitzunehmen. Erster Versuch auf dem berühmten Münchner Viktualienmarkt. Nicht ohne ein Gefühl von Stolz überreiche ich das Gefäß meiner angestammten Käsefrau. Sie schaut mich an, als ob ich gerade einer fliegenden Untertasse entstiegen sei. Meine Bitte, den geriebenen Parmesan doch bitte dort hinein zu füllen, lehnt sie recht brüsk ab, murmelt etwas von "Hygienegründen". Weil ich mich auf eine längere Diskussion nicht einlassen wollte, verließ ich etwas überstürzt das Geschäft.
Zweiter Versuch einige Tage später im Käseladen um die Ecke. Die junge Dame, der ich meine Tupperware über die Theke reiche, war neu im Geschäft und schien meinem Ansinnen offen gegenüberzustehen. Obwohl ich sehr wahrscheinlich seit einem Jahr - oder überhaupt - der erste war, der sein Transportgefäß von zu Hause mitbrachte, um unnötigen Müll zu vermeiden. Früher sah ich manchmal, wie ältere Damen solche Dosen aus ihrem Einkaufsroller zogen. Aber ältere Damen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Die schwören heute auch alle auf Einweg.
Das Stück Parmesan, das die Verkäuferin zum Reiben von dem Riesenlaib herunter schnitt, war leider viel zu groß. Da Käse in geriebenem Zustand deutlich an Volumen gewinnt, überstieg die Menge des Reibegutes bei weitem das Fassungsvermögen meiner mitgebrachten Tupperdose. "Ach, ich fülle Ihnen den Rest in solch einen Becher", sagt sie und hält mir eines der bekannten Wegwerfgebinde vor die Nase. Ich entgegne säuerlich, dass ich ja gerade deshalb mit der Tupperware zu ihr gekommen sei, um dem Plastikterror zu entgehen, ein Zeichen für die Umwelt zu setzen usw. Sogar Berlusconis Italien habe jüngst die Plastiktüten verboten!
An ihrem Mienenspiel war nicht zu übersehen, dass sie mich für einen ziemlichen Sonderling hielt. Den restlichen Käse füllte sie trotzdem in einen Wegwerfbecher - für den nächsten Kunden, der es mit dem Umweltschutz nicht ganz so eng sehen würde. Dann begann sie umständlich, diesen Rest auszuwiegen und von dem Inhalt meiner Tupperdose abzuziehen. Die Schlange hinter mir wurde derweil lang und länger. Ich spürte förmlich, wie mich der Vater, der seinen Sohn auf dem Arm hielt, verfluchte: Oh, diese verdammten Ökos…
Schließlich bot sie mir an, meine Tupperdose in eine dünne Plastikfolie einzuwickeln, damit sich der Deckel nicht versehentlich öffnen könne, was ich abermals ablehnte. „Ein kleines Tütchen?“ Ich versuchte die Contenance zu wahren, wies demonstrativ auf meinen Einkaufskorb und griff schnell noch nach einer, ziemlich teuren, Flasche Wein, sozusagen als Ausgleich für den personellen Mehraufwand. Die Menschen schlugen bestimmt drei Kreuze, als ich zahlte und den Laden endlich verließ.
Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, dachte ich, als ich zu Hause in der Küche den Inhalt der Tupperdose in ein Porzellanschälchen füllte und es, ökologisch korrekt, nicht mit einer Alu- oder Plastikfolie, sondern einer umgedrehten Untertasse abdeckte. Nächstes Mal werde ich mir den Parmesan am Stück kaufen und selbst reiben. Auch wenn mir das bisher immer zu umständlich war und ich jedes Mal um meine Fingerkuppen fürchte. Aber ohne Opfer ist es eben nicht zu haben, das ökorrekte Leben.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
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