Eingeschweißt zum Waterboarding
Etscheits Alltagsstress
So, Weihnachten ist erstmal vorbei. Und damit auch der Verpackungshorror. Wofür braucht es eigentlich all die bunt bedruckten Hochglanzpapiere und die schönen Schleifchen, wenn man eh schon weiß, was drin ist? Überhaupt die ganze Schenkerei. Was wünschst Du Dir denn zu Weihnachten, zum Geburtstag, etc., fragt eine Anverwandte jedes Jahr, obwohl sie genau weiß, dass ich nichts möchte. Dass ich die ganze Schenkerei ablehne. Manchmal überlege ich, ob ich sie bitten sollte, anstelle von Geschenken ein paar CO2-Zertifikate zu löschen, um dem Klima zu helfen. Aber dann würde sie mich wohl für übergeschnappt halten.
Sie will etwas schenken und ich möchte sie nicht enttäuschen. Also überlegt man hin und her, was man noch "brauchen" könnte. Etwas Unkaputtbares für die Küche von Manufactum vielleicht? Eine neue CD? Das 539ste Buch? Am liebsten was zu Essen, sag ich dann immer. Das kann man immerhin verbrauchen und verstaubt nicht in irgendeinem Schrank oder auf dem Speicher. Macht nur dick.
Aber eigentlich wollte ich mich heute über den Verpackungsterror aufregen. Gesetzt den Fall, man hat sich wirklich eine CD gewünscht - die ist natürlich schön geschenkmäßig verpackt. Das Papier und das Schleifchen kann man aufheben und wieder verwenden. Zerknittertes Geschenkpapier sieht zwar ein bisschen aus nach sparsamer alter Tante, die nix wegwerfen will. Aber man hat wenigstens umweltmäßig ein gutes Gewissen.
Wenn man also die Tausend Tesastreifen, mit der die Menschen ihre Geschenke gegen unbefugtes Öffnen sichern, unter Verlust des einen oder anderen Fingernagels abgeknibbelt hat, stellt sich die Frage, wie man die Plastikfolie, mit der alle CDs heute überzogen sind, runter bekommt. Das ist ein schwieriges Unterfangen, weil die Folie hauteng am Cover klebt und die kleine Lasche nie zu finden ist, mit der man die Hülle aufreißen soll. Meistens versuche ich es zuerst erfolglos mit den Zähnen und nehme dann eine Gabel zu Hilfe, was zu hässlichen Kratzern auf dem Plastikcover führt. Aber immerhin kommt man jetzt an den Inhalt ran.
Warum CDs eingeschweißt sind, hat mir noch niemand erklären können Wahrscheinlich, um die Arbeitsplätze in der Alles-Einschweißindustrie zu sichern. Auch Bücher werden eingewickelt. Alle! Man muss immer fragen, ob man die Hülle öffnen darf, wenn man mal drin herumblättern will. Der Effekt, das Buch im Buchkaufhaus vor Schmierpfoten zu schützen, ist dann natürlich dahin. Papier zum Einwickeln gibt es übrigens kaum noch. Ach ja, beim Metzger wird jetzt alles "vakuumiert". Noch ein schöner Erfolg für die Verpackungsindustrie.
Der Schwachsinn ist allgegenwärtig: Kürzlich habe ich in einem Supermarkt gesehen, dass die Paletten, auf denen die schon drei- und vierfach verpackten Lebensmittel vom Lkw in den Laden gerollt werden, auch wieder mit einer dicken Folie eingewickelt sind. Wahrscheinlich damit nichts herunterfällt, wenn der Fahrer alleine und im Akkordtempo seinen Laster ausräumen muss. Zum Paletteneinwickeln gibt es besondere Paletteneinwickelmaschinen. Die hab ich mal im Fernsehen gesehen.
Alle möglichen Dinge einzupacken, einzuschweißen, einzuschlagen, einzuwickeln, muss ein enorm gutes Geschäft sein. Noch ein Beispiel: In der Reinigung bekommt seit geraumer Zeit jedes Stück eine Art Plastiküberhang verpasst. Jedes Sakko, jeder Mantel, jedes Hemd einzeln in Plastik. Als ich darum bat, für mich auf einen solchen Überzug zu verzichten, haben sie mich ganz scheel angeschaut. Wahrscheinlich haben sie mir nicht zugetraut, das Sakko sauber die zweihundert Meter nach Hause zu tragen. Sie meinten wohl, ich würde es in die nächste Pfütze werfen. Dabei wäre das für die Reinigung nicht schlecht, weil sie ja gleich noch mal dran verdienen könnte.
Die Verpackungsmanie macht auch nicht Halt vor der Landwirtschaft. Gut, die Kühe haben noch keinen Überzug. Dafür wird jetzt das frisch geschnittene Gras eingewickelt. In Plastik selbstredend. Die grünen oder weißen Rollen liegen dann sehr dekorativ auf den Feldern rum. Manche Bauern schichten sie auch zu Türmen oder Wänden auf, was die ländliche Idylle perfekt macht.
Manchmal frage ich mich, wie das bei der Bundeswehr ist. Werden eigentlich auch die Bomben in Plastik eingeschweißt, bevor man sie den Taliban auf den Kopf wirft? Damit sie keine Kratzer kriegen vor dem Einsatz. Ist schließlich gute deutsche Wertarbeit. Vielleicht könnte man gefangene Taliban selbst einschweißen. Das würde die Burschen garantiert völlig ungefährlich machen. Und in Guantanamo könnte man sie dann noch praktischer auf diesen tollen rollenden Liegen zum Waterboarding bringen.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
Zurück zur Kolumnen-Übersicht
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 07 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13








