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Prächtige Aussichten

Etscheits Alltagsstress

etscheidDer Tag nach Silvester ist immer etwas ernüchternd. Irgendwie ist alles bleiern: der Himmel, der Kopf, das Herz. In der Küche türmt sich das dreckige Geschirr von der Silvesterparty. Und in den Straßen der Müll, den die nächtlichen Hobbyfeuerwerker hinterlassen haben. Seit es Raketen und Böller nur noch im „Sortiment“ gibt, eingeschweißt in Plastikfolie, hat das Müllproblem am Neujahrstag ungeahnte Ausmaße angenommen.

Neujahr ist wie Montag, nur schlimmer. Wieder ein Jahr vorbei, diesmal sogar ein ganzes Jahrzehnt. Und das Neue gähnt vor einem wie ein riesiges schwarzes Loch. Wer sich noch ein wenig christliche Tradition bewahrt hat, für den läuft das ganze Jahr unweigerlich auf Weihnachten zu. Danach kommt erstmal die große Leere. Ein bisschen besser wird es erst wieder, wenn Ostern in Sicht ist. Dann ist wenigstens die erste Etappe geschafft.

Schweren Hauptes wälzt man sich zu ungewohnt später Stunde aus dem Bett, kehrt nach den gehaltvollen Gelagen der Festtage wieder zum Müsli-Frühstück zurück. Der eine oder andere gönnt sich vielleicht im Bademantel via TV das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, eine unverwüstliche Tradition, die wie ein Fels in der Brandung der rasenden Zeitläufte steht. Wenn am Schluss des Konzerts im Goldenen Saal des Wiener Konzertvereins nicht die Haute Volée der österreichischen Hauptstadt im Takt des Radetzkymarsches mitklatschen darf, muss die Alpenrepublik Österreich mindestens ein Meteoriten-Armageddon durchgemacht haben. 

Alle Krawatten sind umgetauscht, alle Jahresrückblicke und erbaulichen Leitartikel gelesen

Bis auf weiteres sind nun alle Feste gefeiert, alle Geschenke ausgepackt, alle Krawatten umgetauscht, alle Verwandten vergrätzt, alle Jahresrückblicke und erbaulichen Leitartikel gelesen. Die Waage signalisiert einem, dass die nächsten Wochen Schmalhans Küchenmeister sein wird und der Weihnachtsbaum fängt auch schon wieder zu welken an. Manche schmeißen ihn jetzt raus, andere warten bis Heilige Drei Könige. Dann ist das Wohnzimmer wieder wüst und leer.

Dabei ist heuer wahrlich kein Anlass, Trübsal zu blasen. Endlich stehen wieder einmal alle Zeichen auf Erfolg. Ein prächtiges Jahr steht uns bevor: Die Wirtschaft soll weiter boomen, die Arbeitslosigkeit sinken. Sagen die Kanzlerin und der Herr Wulff, der ja wider Erwarten einen tollen Präsidenten abgibt. Jedenfalls sagt er nichts, was Frau Merkel ärgern könnte. Und für alle Fälle hat die Union ja noch den Baron zu Guttenberg in petto, der alles kann: Präsident, Kanzler, Feldherr, Gott.

Auch die Menschen "auf der Straße" sollen nicht leer ausgehen, wenn es der Wirtschaft so gut geht. Nach den vielen Null- und Minusrunden, die die deutschen Unternehmen so wettbewerbsfähig gemacht haben, dass man es selbst mit dem Lohnniveau chinesischer Wanderarbeiter aufnehmen kann, wollen sich die Arbeitgeber nicht lumpen lassen. Und die deutsche Frau hat endlich wieder Lust aufs Kind! So hat es das Orakel der Republik, das Statistische Bundesamt, pünktlich zum Jahreswechsel verlautbart. Krise? War da was?

Erstaunlich schnell hat der Turbokapitalismus zu alter Form zurückgefunden. Die üblichen Mahner und Warner sind wieder verstummt, Grenzen des Wachstums in weite Ferne gerückt. Was sollen wir auch machen, wenn uns die Asiaten unsere schönen Autos und Maschinen quasi aus den Händen reißen. Damit können sie dann noch mehr von all den schönen Sachen herstellen, die wir mit unserem Geld kaufen, von dem sie dann wieder neue Maschinen kaufen, mit denen noch mehr schöne Sachen produziert werden, die wir dann wieder… Ein perfekter Kreislauf. Eine klassische Win-win-Situation.

Toll! BP hat versprochen, in der Arktis nur ganz vorsichtig nach Öl zu bohren

Noch ein Grund zur Freude aufs neue Jahr: 2011 ist ein Supersuperwahljahr. Endlich kriegt die FDP die Quittung für ihre nicht eingehaltenen Steuersenkungsversprechen, fliegt reihenweise aus den Parlamenten und lässt Westerwelle den Koch machen. Dafür werden die Grünen zur Volkspartei, können endlich ihren ersten Ministerpräsidenten stellen, Mappus in Rente schicken, und den „Green New Deal“ in die Tat umsetzen.

Gewachsen wird weiter. Aber eben grün, nachhaltig, umweltfreundlich, sozial. Deshalb dürfen die sicheren Atomkraftwerke bei uns jetzt länger laufen und neue, hocheffiziente Kohlekraftwerke gebaut werden, die nur noch die Hälfte der eingesetzten Energie ungenutzt durch den Kühlturm jagen. Und BP hat versprochen, in der Arktis nur ganz vorsichtig nach Öl zu bohren und die Eisbären, Robben und Wale nicht zu stören. Wenn doch mal ein bisschen Öl ausläuft, stört das niemand, weil es ja unter dem Eis gut aufgehoben ist. Und dass der Nordpol bald auftaut, glaubt eh' niemand mehr. Der Klimawandel - weggefegt vom Rekordwinter.

In diesem Sinne: Gutes Neues Jahr!

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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