Gleißender Glimmer
Etscheits Alltagsstress
Weihnachten ist das Fest des Lichts. Das ist eine schöne Sache, weil Licht ein Zeichen der Hoffnung ist. Und gegen einen Lichterbaum im Wohnzimmer ist auch aus ökologischer Sicht eigentlich nichts einzuwenden. Vor allem dann, wenn man sich einen zertifizierten Bio-Baum zulegt und ihn mit Kerzen aus Bienenwachs schmückt. Die sind nicht nur ein echtes Naturprodukt, sondern riechen auch gut. Was man von der standardmäßigen Nordmanntanne leider schon lange nicht mehr sagen kann. Der hat man irgendwie das harzige Aroma weggezüchtet. Dafür ist sie immer kerzengerade, schön dicht, und behält ihre Nadeln fast so lange wie ein Plastikbaum.
Aber zurück zum Licht. Seit einigen Jahren hat sich leider hierzulande ein Brauch eingeschlichen, der wie zuvor Halloween oder der Junggesellenabschied, eigentlich aus Amerika stammt, wo es Energie bekanntlich im Überfluss und zum Spottpreis gibt und CO2 für viele ein willkommenes Düngemittel ist. Es geht um die in allen Farben und Formen illuminierten, hektisch blinkenden Weihnachtshäuser, die mit Beginn der Adventszeit auch aus manch schlichter deutscher Wohnstraße ein kleines Las Vegas machen.
Hausbesitzer wetteifern um die prächtigsten Inszenierungen weihnachtlicher Vorfreude. Vom Sockel bis zum First wird das Eigenheim mit Lichterketten behängt: auf Balkonbrüstungen tummeln sich leuchtende Rehlein und Schneemänner und in den Fenstern strahlen Schwibbögen und Weihnachtssterne. Ganz so, wie man es aus der Coca Cola-Reklame kennt, wo der Hohoho-Weihnachtsmann mit seinem Rentierschlitten einschwebt und die dunkle Winterwelt unter ihm samt Coca Cola-Laster augenblicklich in ein schimmerndes Lichtermeer verwandelt.
Oft wird auch der Vorgarten in die Licht-Inszenierung mit einbezogen. Besonders beliebt sind übermannsgroße, innen mit einem Lämpchen versehenen Schnee- oder Weihnachtsmänner. Bei Lidl etwa gibt’s für 49,99 den beleuchteten "Schneemann mit Deko-Besen" für "Garten, Terrasse oder Eingangsbereich", natürlich mit "besonders langlebigen, energiesparenden LEDs" und einer Lebensdauer von 20.000 (!) Stunden. Eine andere Variante sind die ebenfalls beleuchtbaren "Weihnachts-Inflatables" (sic), die ihre oft ins Gigantische reichenden Ausmaße einem internen Gebläse verdanken, das im Zweifelsfall die gesamte Advents- und Weihnachtszeit über in Betrieb ist.
Möglich wurde die Licht-Revolution nur durch eine überall verfügbare und preisgünstige Technik. All die Lichterketten und -teppiche und aufblasbaren Scheußlichkeiten kommen natürlich aus Fernost und sind zum Schnäppchenpreis in jedem Baumarkt erhältlich. Oft lassen sich die Birnchen nicht austauschen. Wenn eines von geschätzten Tausend ausgefallen ist, schmeißt man die ganze Kette einfach auf den Müll. Ich muss sagen, dass mir schon die klobigen Osram-Lichterketten auf die Nerven gingen, mit denen spießige Eigenheimbesitzer bis dato ihre Blautannen auszustaffieren pflegten. Immerhin konnte man bei ihnen noch die Birnchen austauschen.
Auch der öffentliche Raum wird lichttechnisch immer martialischer aufgerüstet. Während sich die Mitarbeiter des städtischen Bauhofes lange Zeit damit begnügten, nur an exponierten und häufig frequentierten Plätzen, etwa vor dem Rathaus oder der Kirche, einen Lichterbaum aufzustellen, werden heute ganze Straßenzüge, frei nach Richard Wagner, in gleißenden Glimmer getaucht. Selbst die kahlen Äste von Laubbäumen müssen als Träger für Lichterketten herhalten.
Eigentlich sollte man erwarten, dass angesichts solcher, auch ästhetisch äußerst unbefriedigender Lichtorgien den Leuten doch mal ein - Licht - aufgeht. Dass nämlich diese kindliche Dekorationswut in Zeiten des Klimawandels ähnlich bescheuert ist wie die Anschaffung eines Geländewagens in der Stadt oder der Kurztrip nach New York, das dem Fachwerkparadies Rothenburg ob der Tauber als klassische Adventsdestination wohl längst den Rang abgelaufen hat.
Leider deutet der Trend, dank der nimmermüden Innovationskraft der Industrie, eher in die entgegengesetzte Richtung. So gibt es bereits elektrische Weihnachtsbaumkerzen, die nicht an einer Kette hängen, sondern einzeln mit besonders umweltfreundlichen Batterien betrieben werden und per Fernbedienung ein- und auszuschalten sind. Aber, wie gesagt, Licht ist Hoffnung. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.
In diesem Sinne: ein frohes Fest!
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
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