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Eiskalte Überraschung

Etscheits Alltagsstress

etscheid

Als Kind habe ich mich immer wahnsinnig gefreut, wenn es geschneit hat. Wenn abends die ersten Flocken vom Himmel schwebten, bin ich oft mehrmals in der Nacht aufgestanden, um nachzuschauen, ob es noch nicht wieder aufgehört hat. Und wenn ich morgens aufwachte und von draußen ein schabendes Geräusch hörte, wusste ich, dass der Vater gerade mit der Schneeschaufel den Bürgersteig frei räumte. Dann war unser kleines Städtchen und die Landschaft ringsum weiß verzaubert und der immer gleiche Schulweg wie verwandelt. Und vielleicht würde es sogar für eine Rodelpartie reichen oder für einen Schneemann.

Ich komme aus dem Rheingau, einer Weingegend in Südhessen. Überall, wo Wein wächst, ist es ja immer etwas wärmer als in einer Biergegend wie München, meinem heutigen Wohnort. Deshalb war dort Schnee in nennenswerten Mengen, schon vor dem verschärften Klimawandel, eine ziemlich seltene Erscheinung. Meist war es im Winter, dank des großen, warmen Stromes, feucht, kühl und nebelig. Wenn es mal schneite, taute der weiße Überzug bald wieder weg. Deswegen war die Freude groß, wenn er liegenblieb. Und weiße Weihnacht war ein doppeltes Fest.

Auch heute mag ich es noch, wenn es schneit. Dann herrscht immer ein wenig der Ausnahmezustand in unserer perfekten, durch und durch technisierten Welt. Die Natur zeigt ihre sanfte Macht, die aus nichts anderem besteht als zarten, vergänglichen Flocken, und zwingt das Leben, einen anderen Rhythmus anzunehmen. Der Lärm der Großstadt klingt gedämpft, wie durch Watte, und die Autos zuckeln in Zeitlupe über die Straßen. Viele Wunden, die der Mensch der Natur gerissen hat, werden gnädig überdeckt von einem weißen, makellosen Schleier

Heuer hat es besonders früh geschneit. Ironischerweise pünktlich zum Beginn der Klimakonferenz in Cancun, wo wieder einmal die Rettung der Welt verhandelt wird. So kalt wie in diesem Jahr sei es Anfang Dezember schon lange nicht mehr gewesen, kann man lesen. Die Zeitungen schreiben sogar von einem "Rekordwinter" und von dem, was uns bis möglicherweise noch erwartet an subpolaren Unbilden. Auf ihren Titelseiten zeigen sie Fotos von der "Winterhölle" auf der Autobahn, einer Armada von Räumfahrzeugen, die einen Flughafen frei räumt oder glücklichen Kindern bei der Schneeballschlacht.

Aber so richtig freuen kann ich mich diesmal nicht. Denn eigentlich hatte man ja erwartet, dass die Winter immer wärmer werden. Eigentlich hatte man sich schon daran gewöhnt, dass die Bäume erst im Dezember ihre Blätter verlieren und an (natürlich grünen) Weihnachten die ersten Schneeglöckchen aus der braunen Erde spitzen. Dass die dicke Daunenjacke fast immer im Schrank bleiben konnte und man in der ruhigen Zeit zwischen den Jahren im Straßencafe sitzen konnte. Manchmal hat der Klimawandel ja auch seine guten Seiten….

Doch die Atmosphärenphysik scheint Mitteleuropa einen Streich zu spielen. In den vergangenen drei Jahren gab es einen "Ausnahmewinter" nach dem anderen. Schnee und Kälte ohne Ende. Der Rückgang des arktischen Meereises habe, so die Klimaforscher, eine Veränderung der Luftströmungen bewirkt. Infolgedessen werde mehr (kalte) Luft polaren Ursprungs, wie es so schön heißt im Wetterbericht, in unsere gemäßigten Breiten gelenkt, was in Verbindung mit der feuchteren Luft immer häufiger zu "ergiebigen" Schneefällen führt.

Wie auch bei merkwürdig warmen Wintertagen habe ich das Gefühl, dass der Schnee, der auch jetzt wieder reichlich gefallen ist, irgendwie nicht natürlichen Ursprungs ist. Es ist nicht mehr das unschuldige Weiß meiner Kindheit, das ich sehnsüchtig erwartete. Sondern auch nur eine Folge der von uns Menschen angezettelten Erderwärmung, ein Vorbote der Katastrophe, die sich anbahnt.

Noch etwas trübt meine Freude: Ich fürchte, dass der verfrühte Wintereinbruch Wasser auf die Mühlen all jener ist, die den Klimawandel für eine Fata Morgana halten oder eine Verschwörung der Öko-Industrie. Aber es sind nicht nur die verbohrten "Klimaskeptiker", die irre werden an den Kapriolen eines chaotischen Systems, wie es Wetter und Klima darstellt. Es sind auch die einfachen Bürger, die sich jetzt durch den Schnee zur Arbeit kämpfen müssen und frierend an der Bushaltestelle stehen. Würde man jetzt eine Umfrage machen, 90 Prozent würde einen wahrscheinlich für verrückt erklären, wenn man ihnen mit dem Klimawandel kommt.

Auch die Befürworter der Bewerbung von München und Garmisch-Partenkirchen für die Olympischen Winterspiele 2018 dürften sich über die eiskalte Überraschung freuen. Und natürlich die Bürgermeister der Wintersportort und die Liftunternehmen, die sich einmal mehr in ihrer Einschätzung bestätigt sehen, dass es warme Winter schon immer gegeben habe. Doch ein kleiner Trost bleibt: Je mehr es schneit, desto seltener müssen die Schneekanonen angeworfen werden. Und das nützt schließlich dem Klima.

Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.

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