Oh Gott, bin ich jetzt konservativ?
Etscheits Alltagsstress
Eigentlich habe ich immer gedacht, ich sei links. Und jetzt kommt Markus Söder, das ist der aktuelle bayerische Umweltminister, und sagt, Umwelt sei heute ein "konservatives Zukunftsthema". Und dann hat er noch gesagt, dass seine Partei, die CSU, die "kulturelle Deutungshoheit für den Begriff Heimat wieder stärker besetzen" müsse. Und zur Heimat gehöre eben Natur. Aha.
Und im Magazin der Süddeutschen Zeitung (SZ) warnte der Feuilletonist Gustav Seibt vor einem neuen Konservativismus. Die konservative Attitüde habe ihre "Manufactum-Phase“ hinter sich gelassen und nehme langsam, siehe Thilo Sarrazin, reaktionäre Züge an. Und zu dem, was diesem neuen Lebensgefühl den Boden bereitet habe, zählt Seibt auch die Nachhaltigkeit. "Ökologischer Konservativismus", sagt Seibt.
Also bin ich jetzt konservativ, weil ich meinen Müll trenne, regional einkaufe, die Wasserspartaste am Klo drücke und lieber in der Fränkischen Schweiz urlaube, als mich zum Dritte-Welt-Urlaub in die Dominikanische Republik zu verfügen? Und sind jetzt die Grünen, bei denen ich seit Jahren mein Kreuzchen mache und für die ich sogar in einem Münchner Stadtteilparlament sitze, die "neue CDU", wie es Heribert Prantl jüngst in der SZ formulierte?
Müll trennen, regional einkaufen, Union ankreuzeln?
Ok, herkunftsmäßig gesehen bin ich zweifellos bürgerlich. Mein Vater war Augenarzt, die Mutter gelernte Buchhändlerin. Geld war immer genug da, ich habe nie in Saus und Braus gelebt, aber auch nicht darben müssen. Trotzdem bin ich nie ernsthaft auf den Gedanken gekommen, die Union anzukreuzeln oder gar die FDP. Das waren (und sind) für mich immer die Interessenvertreter vor allem des Kapitals gewesen, der Ausbeuter von Mensch und Natur.
Da tut es wenig zur Sache, dass die CSU vor 40 Jahren als erstes Land in Europa ein Umweltministerium gegründet hat, weswegen sich Herr Söder jetzt mächtig auf die Schultern klopft. Dabei waren die meisten CSU-"Umweltminister" eigentlich Minister fürs Greenwashing oder zumindest so schwach, dass sie gegen die Wirtschaftslobby nie eine Chance hatten.
Oft war das Ökoressort nur ein Durchlauferhitzer: Söders Vorgänger, ein gewisser Herr Schnappauf, ist jetzt Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Ein Amt, das eigentlich Herr Röttgen haben sollte, der aber dann selbst Bundesumweltminister wurde und in dieser Eigenschaft den Atomausstieg gekippt hat. Soviel zu "konservativen" Umweltministern. Und Ressortchefs vom Typ Sander in Niedersachsen haben, kaum im Amt, erstmal zum großen Deregulierungskahlschlag ausgeholt.
Deswegen finde ich es besonders dreist, wenn Söder, der sein Ministerium übrigens in "Lebensministerium" umgetauft hat, weil ihm Umwelt wahrscheinlich zu "links" klingt, jetzt daherkommt, und die Ökologie, ein Thema, bei dem es jedem echten CSUler immer noch graust, kurzerhand zum eigenen ideellen Besitzstand erklärt. Im gleichen Atemzug freilich sagt er nichts gegen den Donausausbau, die Atomkraftwerke und die Autobahn durchs schöne Isental, die der CSU-hörige Bayerische Verwaltungsgerichtshof gerade endgültig durchgewunken hat.
Oder doch, er sagt etwas, der Herr Söder: Umwelt bedeute nicht "Stopp des Fortschritts“" Ein Nein sei keine "moderne Umweltpolitik" es gehe um einen "Abwägungsprozess". Leider hat bei diesem Abwägungsprozess die Natur in den letzten CSU-Jahrzehnten fast immer den Kürzeren gezogen. Wenn nicht, siehe Wackersdorf, dann war das nur massivem Widerstand der Bevölkerung zu verdanken.
Die Revolution der "Konservativen"
Eigentlich sind die Rechten ja gar nicht mehr konservativ. Das ist bloß noch eine Hülse, die Sicherheit vorgaukeln soll. Auch wenn sich alles ändert: Irgendwie bleibe doch alles so, wie es immer war. In Wirklichkeit aber haben die "Konservativen" eine Revolution angezettelt oder zumindest kräftig unterstützt, die die Lebensumstände viel radikaler und nachhaltiger verändert hat als die meisten Revolutionen zuvor.
Die vollständige und weltweite Entfesselung der Marktkräfte im Zuge der neoliberalen Umwälzungen hat keinen Stein auf dem anderen gelassen. Immer rasender dreht sich die Spirale von Konsum und technischem "Fortschritt" vulgo Innovation. Immer vollständiger verleibt sich die Ökonomie alle Lebensbereiche ein. Alles, was keinen Wert hat oder dessen Wert nicht zu beziffern ist, ist wertlos und wird auch so behandelt.
Söder und die anderen "Konservativen" huldigen ihm weiter, diesem unreflektierten "Fortschritt", wenn er nur genug Rendite abwirft. Der kostet, etwa in Form metastasenhafter Gewerbegebiete und Verkehrswege und der langsam aussterbenden kleinbäuerlichen Kultur, längst auch Bayern das gewohnt-heimatliche Antlitz. Also gut, vielleicht bin ich wirklich konservativ, wenn ich all dies nicht möchte. Aber deswegen muss ich - aufmerken Herr Seibt! - noch lange nicht Sarrazin toll finden. Oder - herhören Herr Söder! - die CSU.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
Zurück zur Kolummnen-Übersicht
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 07 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13








