Noch mehr Sehnsucht nach der Krise
Etscheits Alltagsstress
Dass die Krise vorbei zu sein scheint, kann man am wieder wachsenden Umfang der Tageszeitung ablesen. Als ich neulich meine Süddeutsche aus dem Briefkasten zog, fiel mir gleich ein ganzer Stapel Hochglanzbeilagen entgegen. Vor einem Jahr gabs oft nur das, was ich abonniert habe, die Zeitung nämlich. Aber jetzt, da die Wirtschaft wieder boomt und der Konsum endlich "angesprungen" ist, beglückt einen die Werbewirtschaft wieder mit ihren wirklich sehr schön gestalteten Werbemitteln.
Erstmal acht Seiten Obi. Zur Neueröffnung einen Obi-Marktes in München-Brunnthal, bekannt durch ein ständig überlastetes Autobahndreieck, macht der Heimwerkermarkt auf grün: Die Titelseite präsentiert einen "XXL Riesen-Bonsai" (80-90 Zentimeter Höhe) für 49,99 Euro, was mich stutzig macht, weil ich unter Bonais bislang immer XS-Mini-Bäumchen verstanden habe. Aber vielleicht ist das ja die ultimative Bonsai-Innovation und ein neuer Trend: Die Bäumchen werden erst immer größer, damit später die echten Bonsais unter dem Label "Classic" (mit "c") abermals als (teure) Neuheit vermarktet werden können.
Dann bei Obi eines meiner liebsten Hassobjekte: die Phalaenopsis-Orchidee, die seit einiger Zeit Zimmerpflanzenklassiker wie Clivia oder Alpenveilchen abgelöst hat und aus so gut wie jedem Fenster schaut. Preis: 4,99 Euro. Weil die Epiphyten kalkhaltiges Wasser hassen, aber von unwissenden Zimmergärtnern dauernd damit gegossen werden, halten sie nicht lang, was gut ist für die Blumenindustrie. Und nicht ganz so gut für die Umwelt.
Den Orchideen ging es wie Lachs oder Garnelen. Aus Raritäten sind Ramschprodukte geworden. Weil sich bei ihrer Herstellung niemand um soziale Standards oder den Umwelt- oder Klimaschutz kümmert, sind sie so schön billig. So billig, das es Shrimps längst auch bei McDonalds gibt, wo sie allerdings nur nach Panade und schlechtem Fett schmecken. Ich vermute, dass das bei den Orchideen ähnlich sein dürfte. Also nicht das mit der ungenießbaren Panade, sondern mit der umweltschädlichen Massenproduktion. Ehe ich abschweife: Obi bietet auch noch eine Wand- und Deckenfarbe mit dem Blauen Engel an. "Umweltschonend, da emissionsarm", steht darunter. Das ist doch mal was.
Aber weiter mit der Beilagenschau. Galeria-Kaufhof ("Ich freu’ mich drauf") offeriert dem morgendlichen SZ-Leser ein kleines Heftchen mit "Geschenken, die glücklich machen". Wie der Nussknacker aus Fernost für 9,95 und der andere importierte Weihnachtsdekoplunder. Das erinnert mich an ein Gartencenter, das einen Weihnachtsmann verkaufte, der in der einen Hand ein Eimerchen, in der anderen ein Schäufelchen hielt. Da muss wohl die Billigarbeiterin in Fernost, gestresst vom 15-Stunde-Tag und in völliger Unkenntnis mitteleuropäischer Weihnachtsbräuche, etwas verwechselt haben. Oder waren Eimerchen und Schäufelchen noch von der sommerlichen Gartenzwergeproduktion übrig geblieben?
Unvermeidlich bei der morgendlichen Beilagenflut: der 30-seitige Katalog von XXXLutz, einem vor allem in Süddeutschland agierenden österreichischen Möbelkonzern, der für seine ausnehmend aggressiven Werbemethoden bekannt ist. Vorne sitzt der dicke Kabarettist Otti Fischer auf einem als Geschenk mit rotem Schleifchen verpackten Sofa. Dass sich der Mann für so etwas hergibt…
Unter all dem, was einem da frühmorgens vor die Füße fällt, findet sich schließlich noch der Prospekt eines Münchner Bekleidungshauses und, die aktuelle Weihnachtsofferte von Feinkost Dallmayr. Vielleicht leisten wir uns ja mal eine garantiert glücklich und naturrein aufgezogene "Streuobstwiesengans" aus Niederbayern für 1,45 Euro per Hundert Gramm. Wenn man sich schon nicht entschließen kann, Vegetarier zu werden.
Aber wir waren ja beim täglichen Werbehorror. Dazu gehören natürlich auch die vielen Gratiszeitungen, die sich, wenn das Wochenende naht, vor der Haustür stapeln. Obwohl bei uns nur 15 Parteien wohnen, liegen immer geschätzte 50 Exemplare der Anzeigenblätter aus. Und auch nach ein paar Tagen Verweildauer im Flur neben den Briefkästen ist der Stapel nicht wesentlich kleiner geworden, woraus ich schließe, dass nur die wenigsten meiner Mitbewohner diese Zeitungen überhaupt zur Kenntnis nehmen.
Aber für die werbenden Unternehmen und die Werbeindustrie selbst muss sich der ganze Aufwand, das Anzeigengestalten, Layouten, Drucken, Transportieren und Austeilen ja immer noch lohnen, sonst würden sie ja darauf verzichten. Schade nur um das viele schöne Papier, das ungelesen im Altpapiercontainer landet. Irgendwann werden neue Werbeträger daraus, die wieder keiner liest undsoweiterundsofort.
Wenn das nicht echte Kreislaufwirtschaft ist!
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
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